Während es in Großstädten wie Berlin oder Hamburg ja fast religiöse Züge annimmt, in welchem Stadtviertel man wohnt, habe ich dem bis vor kurzem nicht unbedingt große Beachtung geschenkt. Klar, in der Geburtskleinstadt im beschaulichen Münsterland ist sowas per se nicht vorhanden und auch in Münster kann man innerhalb des Innenstadtbereichs gefahrlos hinziehen, wohin man möchte. Wohnniveau, Bevölkerung und Infrastruktur geben sich da untereinander nicht viel.
Der Umzug nach Essen brachte da schon kniffligere Aufgaben mit sich. Hier scheint es nicht wichtig zu sein, WO man wohnt, sondern viel wichtiger, wo man tunlichst NICHT wohnen sollte. Gut zwei Jahre wohnen wir jetzt hier und haben beide Erfahrungen machen dürfen.
Wie so viele andere Zugezogene ließen wir uns zunächst von günstigen Mieten in Uni- und Innenstadtnähe blenden – in vielen anderen Städten ja eher ein Hinweis auf gute Lagen und angenehmes Wohnen. Man kann Zugezogene hier übrigens immer gut fragen: „In welchem Viertel wohnste?“, um direkt danach zu kontern „Aha…und davor?“.
In anderen Gegenden hier scheint es dagegen sogar egal zu sein, in welcher Stadt man wohnt. Ich arbeite in Recklinghausen. Recklinghausen ist Kreisstadt und umfasst in dieser Funktion andere Städte wie Herne, Herten, Erkenschwick, Datteln, etc. Gemeinhin wird diese Gegend auch als „Vest“ bezeichnet, was natürlich zu grauenhaften Wortschöpfungen a la „Vesthalle“, oder „Vestival“ führt, die findige Wortakrobaten der hiesigen Werbebranche austüfteln. Man ertappt sich allerdings auch schnell mal dabei, dass einem selber solch fiese Billigkreationen einfallen. Bei einem Besuch vor einigen Jahren in Hemsbünde bei Rotenburg an der Wümme (Autokennzeichen „ROW“) schlug ich meinen dortigen Punkerkumpels in einem Anfall von schenkelklopfendem Stammtischhumor vor, sie könnten doch ihr Autokennzeichen in „ROW-DY“ ändern lassen. Ein paar gestrenge Blicke und der Hinweis, dies sei in diesem Landstrich (zurecht) die Kennzeichnung für Vollhorste, Prolls und Mantafahrer, ließen mich schnell spüren, dass man Wortspiele solcher Art eher dem provinziell verankerten Dorfbauerntum vorbehalten sollte.
Gut, jetzt kann man natürlich sagen, dass es da ja auch egal sein kann, in welcher Stadt man hier wohnt, sieht ja eh alles gleich aus. Solche Vergleiche werden ja gerne in Bezug auf den Ruhrpott bemüht. Allerdings ist das ja auch gleichermaßen gepflegter Schwachsinn, denn das gilt für die meisten anderen Landstriche auch, ob jetzt Ostfriesland, Münster- oder Schwabenland. Gut, sicherlich ist es dort auch einfach nicht ganz so hässlich, aber der Gleichheitseffekt eint doch die meisten Gegenden in Deutschland. Aber führt das auch automatisch dazu, dass man so wenig daran interessiert ist, in welcher Stadt man wohnt? Etwas verdutzt durfte ich schon Gesprächen meiner Arbeitskolleginnen lauschen, die sich darüber austauschten, in welche umliegende Stadt sie denn bald ziehen. Eine ist von Marl nach Herne gezogen, die andere von Herten nach Recklinghausen usw. – und das auch völlig freien Stücken bzw. einfach weil die gesehene Wohnung so schön war, verrückt. Bei einem Gespräch dann allerdings hörte ich zum ersten mal auch sowas wie eine Einschränkung. Eine
Kollegin sagte, sie könne sich prinzipiell vorstellen, überall zu wohnen (überall = Datteln, Herne, etc), allerdings niemals in Erkenschwick. Logo, dachte ich mir, Erkenschwick, da will doch nun auch wirklich niemand wohnen. Geschweige denn die Frau / den Mann fürs Leben finden. Stellt Euch mal vor, Euer Paarungspartner in spe würde sagen, dass er aus Erkenschwick kommt. Oder „Komm, lass’ zu mir nach Erkenschwick, Taxi zahl’ ich“. Die Stadt muss aussterben, keine Frage. Oder versucht mal, 10x hintereinander „Erkenschwick“ zu sagen, ohne zu lachen. Das schafft kein Mensch, garantiert. Um es kurz zu machen: Erkenschwick ist das „Kevin“ unter den deutschen Städten, noch vor Buxtehude, Köln-Sülz und allen Städten, die auf –ow enden.
Heißt natürlich für mich: ich habe dort nichts verloren. Aber da es ja nicht immer nach dem geht, was ich will, muss ich auch Kompromisse schließen. So liegt meine Arbeit zwar in Recklinghausen, allerdings so nah an Erkenschwick, dass es manchmal einfacher und näher ist, für Erledigungen kurz rüber zu fahren. So auch letztens, als ich am Wochenende zwei 10 Stunden Schichten abreißen musste. Richtig gelesen, 20 Stunden! Logo, dass ich das nicht so einfach auf mir sitzen lassen konnte. So schlug ich, nicht ganz uneigennützig, meinen Schutzbefohlenen vor, wir könnten ja heute mal ganz spontan in die nächstgelegene Skykneipe zum Fußball gucken fahren. Über den pädagogischen Wert einer Fahrt nach Erkenschwick in „Tinas Stübchen“ kann man sicherlich geteilter Meinung sein - die Herzen meiner Leute flogen mir jedenfalls nur so zu. Als wir an der Kneipe ankamen, hatte ich aber schon fast die Fresse voll – alles strahlte königsblau. Von draußen grüßten bereits mit Wimpeln vollbehangene Fenster und drinnen nur blau-weiße Asis. Ich verabschiedete mich schon mal in Gedanken von der Bundesligakonferenz und bereitete mich mental auf das Spitzenspiel Nürnberg gegen Schalke vor.
Drinnen setzte sich dann das Trauerspiel fort. Es handelt sich bei der Kaschemme um eine eigentlich ganz normale Ruhri-Stinkhöhle mit Eichenmöbeln, wie sie wohl außerhalb der Region schon vor Jahren Pleite gemacht hätte und die sicher nur noch offen hat, weil letztens die freudige Nachricht aus dem Hartz kam, dass die Stammgäste bald 5 Euro mehr für Flüssigbrot ausgeben können. Unverbesserliche Fußball-in-den-80er-Steckern würden jetzt sicherlich irgendwas von „ehrlich“, „hier wird Fußball noch gelebt“ oder sowas erzählen. Unter uns: hier trifft sich der intellektuelle Bodensatz. Ungehobelte, schlecht angezogene, stinkende Prolls. Das wissen natürlich auch diejenigen, die so was verklären, aber es verschafft dem Leser ein leicht voyeuristisches Gefühl, in eine Welt zu blicken, die sie in dieser Form außerhalb dieses Feldes nicht sehen wollen.
Zwei Leinwände in der Größe von Kleinlastern flankierten zwei Seiten der Kneipe und nachdem ich dem Scheißhaus einen kleinen Besuch abstattete, erblickte ich, dass vor einer der beiden Leinwände eine Art Schrein aufgebaut war mit Kerzen, um die Schalker Embleme aus Pergamentpapier gebunden waren. Ich war in der Hölle gelandet.
Zu der Tristesse passte auch das Spiel. Nicht nur, dass sich hier zwei Vereine den Ball zuschoben, die ich mit der Beschreibung „verachtenswert“ noch friedensvertagsmäßig beschreiben würde, nein, auch das Spiel an sich war ein riesengroßer Scheißhaufen. Das ist ja auch erst mal nicht wenig überraschend, wenn zwei Abstiegskandidaten aufeinander treffen. Was mich dabei vor allem störte, war weniger, dass ich mir diesen ganzen Mist selber eingebrockt hatte, sondern noch nicht mal den passenden Ansprechpartner zu haben, um dieses Debakel angemessen zu verhöhnen.
Das Spiel plätscherte so vor sich hin. Wie erwartet (und natürlich zu meiner stummen Freude) schoss Nürnberg irgendwann das 1-0 und es war schnell zu merken, dass bei den Knappen die Nerven zur Zeit blank liegen. Nach dem Tor öffnete sich in der Mitte der Kneipe quasi eine Art imaginärer Schlund, in den sich einige der An-, oder sagen wir besser Abwesenden, stürzen wollten. Quasi eine Art Saisonfinale 2001, nur eben in einer halben Minute komprimiert – fantastisch! Für eine kurze Zeit überlegte ich mir, ab jetzt öfter mal Schalkekneipen zu besuchen, aber dann waren Augen und Ohren wieder empfangsbereit und ich verwarf diesen Gedanken wieder schneller als David Odonkor laufen kann (womit allerdings auch schon bereits seine gesamten Fähigkeiten aufgezählt wären). Anschließend brach die Panik aus. Kein Fehlpass verging ohne unisono heraus gesülztes Gejaule a la “Kreisklasse! Kreisklasse is dat!”. Man möchte sich nicht die Stalingrad mäßige Stimmung in „Tinas Stübchen“ vorstellen nach der Derbyniederlage 2007.
Plötzlich ein pfeilschneller Antritt von Jones, der in Schäfer rein rannte, ein Pfiff, ein Hemdtaschengriff – rot! Ein etwas beleibterer und breitbeinig auf seinem Sitz thronender Mann, mutmaßlich etwas jünger, aber auf jeden Fall gesichtsälter und wesentlich verlebter als ich, meldete sich zu Wort. Der Mann, der bereits äußerlich wie kein zweiter in die Ruhrgebietskategorie „Schlauen sein Sohn“ fiel, meldete sich endlich mit seinem gesamten Volkszorn zu Wort, nachdem er bereits zuvor schon durch feinste Rethorik („Man, dat sind Milljonääääre! Die machen doch den ganzen Tach nix anderes!”) glänzte. Da Jones ihm anscheinend nicht schnell genug den Platz verließ, vertraute er darauf, dass seine Alkoholfahne ihm seine Message bis nach Nürnberg trug “Ja ruuuunter, schnell schnell, ruuuuuuuunter!”.
Einer Schalkebraut ging das Gelalle von dem Vogel allerdings wohl etwas auf den Zeiger. Im Rahmen ihrer rethorischen Fähigkeiten bat sie ihn mit den Worten „Kannste mal bitte deine Fresse halten“ höflich um etwas Ruhe. “Halt’s Maul!” schallte es zurück und ich hatte den Eindruck, dass sich hier einfach zwei Menschen, vielleicht nicht im ganz üblichen Ton, aber sicherlich millieukonform, auf Augenhöhe begegneten. Der Typ hatte allerdings noch nicht allen Frust abgelassen und begann Selbstgespräche zu führen, die natürlich gleichzeitig die gesamte Kneipe erreichten. „Man, was eine alte Fotze…halt die Fresse, man, man, man” oder „Was fällt der eigentlich ein…unglaublich…Arschloch, doo“ und noch einiges mehr. Der Ton wurde roher, auch die Braut konnte nicht verbergen, dass ihre zuletzt erworbene Deeskalationskursbescheinigung schon langsam vergilbt ist. Nach diversen Wortgefechten stand der Vogel auf und säuselte ihr lieb ins Ohr “Kanns froh sein, dass dein Typ mit dir hier is, sonst hätte ich dir schon lange eine reingehauen, du Fotze”. Ich bemerkte erst jetzt, dass ihr Typ (Marke GTI Proll) auch anwesend war. Ich wollte mich gerade damit beschäftigen, ob ich sein Schweigen als emanzipatorisch wertvoll oder biergeschwängertes Desinteresse bewerten sollte, da stellte sich die blondierte Dame auch schon mit den Worten „Ja, komm doch!“ in den Ring und es entwickelte eine feine Ménage à trois. Stehtische fielen, Gläser brachen und Fäuste flogen in alle Richtungen, während ich damit beschäftigt war, unseren Stehtisch abzuschirmen, in den das Trio mehrmals fast reinrutschte. Kurz: eine richtig schicke Bahnhofskneipen – Bengelei.
Nach ein paar weiteren Ohrlaschen und Ringereinlagen schmiss die Wirtin dann den dicken Schalker raus, der sich jedoch nicht zu schade war, noch in bester Kalle Grabowski Manier zu fragen, was er denn für seine Getränke zu zahlen habe (Bildzeitungsinfo: 2 kleine Biere, 2,40€).
Wer öfter mal mit aggressiven Leuten oder Schlägereien zu tun hat, der weiß: nach der Beulerei ist schnell vor der Beulerei. Es gibt oft diesen magischen Moment, wenn eigentlich alles schon gegessen ist, aber dann einer der Aggressoren noch an seinem Widersacher vorbei muss und die Lunte noch einmal zündelt. So auch an diesem Tag. Der fette Schalker lief, direkt nachdem er die Zeche bezahlt hatte, straight in Richtung Ausgang, während das Adrenalin quasi noch wie ein richtig fieser Schleicher in der Luft lag. Aber es passierte: nichts. Der Typ ging am Prollo-Pärchen vorbei und hatte kaum die Tür geschlossen, da schickte ihm der Freund der Schalkerbraut noch ein gepfeffertes „Ja genau, verpiss dich, du BASTARD!“ hinterher, quasi eine Art Darf-ich-nochmal-bitten? des deutschen Schlägerknigges. Es gab noch einen kleinen „Nachschlag“, bis die Wirtin nochmals ihre Stimme erhob und den fetten Heini aus der Kneipe kärcherte.
Kaum war der Typ endgültig draußen, kam die Wirtin zu der Schalkebraut an und drückte ihre Anteilnahme in schönstem Ruhrpottdeutsch aus (sie hatte schließlich soeben Schläge bezogen und wurde aufs Übelste beleidigt): “Hömma, was machste denn immer an den Männern rum?”. Beide lachten laut, die blonde Perle konnte endlich wieder am Bier nuckeln und die Wirtin fegte engagiert die Scherben zusammen. Eine feine Melange aus Kneipenschlägereienfolklore und Ruhrpottkitsch, hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass der Fettsack nochmal reingekommen wäre und ganz in der Tradition rührseliger Althauergeschichten seinen Widersachern ein Bier ausgegeben hätte.
Nach zwischenzeitlichem Ausgleich erzielte Nürnberg unter überwältigendem inneren Jubel noch das 2-1 und ich fuhr mit dem guten Gefühl nach Hause, dass hier nicht nur die richtigen Menschen, sondern auch der richtige Verein geschlagen wurde. Erkenschwick ist definitiv besser als sein Ruf.
Herder
Da ich aus dem Vest komme und auch noch Schalke Fan bin …
Ich hatte sehr viel Spass beim lesen. So sind wir hier eben … Da kannze nix für …
Übrigens, Herne liegt nicht im VestRecklinghausen …
Beste Grüße aus Herten und mehr solcher Geschichten aus der Provinz,
Markus