Tante Guerilla – Aus Punkrock! #13

Bevor 2003 der Name Tante Guerilla hochoffiziell eingetragen wurde, bestand bereits das heutige Label Kidnap Music als Distro und kleiner Mailorder. Deshalb lautet der vollständige Namen des Unternehmens nach wie vor “Tante Guerilla – Kidnap Music GbR”. Mit den Jahren entwickelte sich die Idee von Measy und Alex so gut, dass dort heute vier Leute fest angestellt sind, zwei weitere Leute immer mal wieder aushelfen, sowie regelmäßig noch einmal zwei Personen dort Erfahrungen als PraktikantInnen sammeln. Über kurz oder lang wuchs das Geschäft der beiden Jungs über die Grenzen der kleinen Kreisstadt St. Wendel im Nordosten des Saarlands hinaus, woraufhin im Frühjahr 2008 der zweite Shop in Deutschlands ältester Stadt Trier eröffnet wurde. Zwar stand die Idee zur Filiale anfangs auf wackeligen Beinen, aber ihr Kumpel Jörkk, der Erfahrung durch seinen ehemaligen Job beim Musikvertrieb Cargo mitbrachte, integrierte den Laden von Beginn an in die Fuzo der Grenzstadt zu Luxemburg, weshalb Tante Guerilla Trier schon als zweites Standbein gesehen werden kann.
Mein Interesse an dem Duo besteht schon seit Jahren. Schließlich spielt Alex bei Pascow und Measy momentan bei Prinzessin halt’s Maul. Hauptsächlich interessierte mich aber wirklich die Geschichte um Tante Guerilla, weil ich zum einen nicht viele Leute kenne, die eigene Shops betreiben und die zum anderen der vermeintlich kleinen heilen Welt des Punks entspringen. Na und obendrein ganz wichtig: Sie verkaufen unter anderem auch unser Fanzine!

 

Weltstadt St. Wendel. Einen Szeneladen wie Euren vermutet man eher in einer größeren Stadt wie bspw. Saarbrigge. Wie kamt ihr auf die Idee die Unternehmung „Tante Guerilla“ in St. Wendel zu starten?

Measy: Unser Mailorder-Hauptquartier war ganz in der Nähe von St.Wendel und wir wohnen beide in oder in der Nähe von St.Wendel. Da hat sich das so ergeben.

Alex: Wir haben mit einem sehr kleinen Laden und günstiger Miete angefangen und als das gut lief konnten wir die Ladenfläche erweitern. Wenn es schief gegangen wäre, hätten wir den Mailorder weiter von einem Bauernhof aus betrieben. So haben wir den Laden und den Mailorder und mit diesen beiden Modellen ist es möglich auch in einer Kleinstadt mit einem Laden wie dem unseren zu überleben.

 

Heißt das, es kommt auch nen Haufen Leute von außerhalb und weiter weg extra nach St. Wendel um zu shoppen?

Alex: Von einem Haufen würde ich nicht reden, aber ja, das kommt schon mal vor.

 

Ihr hattet ne Chuck-Schnorres-Woche. Was war’n das?

Measy: In der Woche hatte jeder, der sich nach unseren Wünschen verkleidete, die Chance, richtig günstig bei uns einzukaufen. Voraussetzung war ein echter oder gemalter Schnurrbart und Jogginganzug.

Alex: Wir hatten keine Lust auf dieses langweilige Sommerschlussgeschäft, wollten aber zum Ende der Saison natürlich auch noch etwas Sommerware loswerden. So kam es zur Schnapsidee „Chuck-Schnorres-Woche“, die übrigens sehr gut bei den Kunden ankam. Unglaublich, wie viele Schnurrbärte und Jogginganzüge wir in dieser Woche gesehen haben.

 

 

Hattet ihr davon so etwas wie’n Doppeleffekt? Also dass auch Leute in den Laden kamen, die eher in die größeren Shops gehen und dann mal sehen wollten, was bei euch geht? In Mannheim gibt es nämlich nen Laden, der von den etablierten großen Geschäften nicht so gemocht ist, weil die Verkäufer dort eben auch die Sachen tragen, die sie verkaufen und damit natürlich auch ganz anders wirken.

Alex: Naja, die Regel, dass Verkäufer das tragen müssen, was im Laden verkauft wird, gibt es aber doch wohl eher bei den größeren Läden.  Wir suchen uns die Mitarbeiter vorher aus und wer vom Stil oder von der Haltung gar nicht rein passt, passt halt nicht. Aber grundsätzlich stimmt es natürlich, dass bei außergewöhnlichen Veranstaltungen auch Leute in den Laden kommen, die sonst nicht kommen würden. Und da wir kein elitärer Haufen sind, gefällt es denen meistens auch ganz gut bei uns.

Measy: Bei uns ist es eh so, dass wir das tragen, was wir verkaufen, weil wir die Sachen selbst natürlich mögen. Unsere Mitarbeiter und Praktikanten haben ja eine gewisse Verbindung zu uns und unserem Geschäft. Da ergibt sich das automatisch.

Mit euren Läden verdient ihr quasi eure Kohle zum Leben innerhalb der „Szene“. Fühlt euch hiermit an den Pranger gestellt und steht jetzt Rede und Antwort, wie ihr Derartiges tun könnt!?

Measy: Alex und ich sind schon seit Jahren „in der Szene“ oder ein Teil davon. Wir haben viele Freunde und Kontakte und hatten so die Möglichkeit, an der Gestaltung des Ganzen „mitzuwirken“. Mit Gestaltung meine ich, dass es immer jemanden geben muss, bei dem man sich mit Sachen wie Tonträgern, Shirts usw. versorgen kann. Wenn man dann seinen „richtigen Job“ an den Nagel hängt und sich ganz der Sache hingibt, muss da natürlich auch was zum Leben dabei rumkommen. Wir sind ja mittlerweile in ganz viel verschiedenen Sparten tätig, z.B. auch Textildruck für Bands.

Alex: Was wäre die Alternative? Sollen wir alle unsere Platten beim Media Markt und die Klamotten bei H&M kaufen? Das wäre doch vollkommen bescheuert. Wir sollten froh sein, dass es „Szeneläden“ gibt. Und ich meine damit Konzertveranstalter, Mailorder, Kneipen, Fanzines, Verlage, Label, Musikgeschäfte etc. Ich gebe mein Geld doch lieber in einem solchen Laden aus als bei den großen Ketten, die keinen Bezug zu den Inhalten einer Szene haben. Es wäre doch ideal, wenn sich die Szene selbst „versorgen“ könnte und das Geld nicht sonst wo ausgegeben wird. Und wenn jemand eine gute Arbeit macht, sollte er dafür auch gerecht bezahlt werden. Das ist das beste Mittel gegen Ausbeutung.

 

Sehe ich alles genauso. Bedeutet das dann auch, dass wenn jemand regelmäßig Konzerte in einem JUZ, AZ, Wasauchimmer auf die Beine stellt, auch hier und da mal was verdienen darf, anstatt als Zweitjob in nem Call-Center doofe Fragen für nen Stromanbieter stellen muss?

Alex: Natürlich darf so jemand auch Geld verdienen. Wieso auch nicht. Wenn eine Veranstaltung gut läuft und finanziell was hängen bleibt, ist das doch absolut in Ordnung. Und so lange alles fair bleibt und niemand über den Tisch gezogen wird, ist daran absolut nichts verwerflich.  Wenn ihr mit eurem Heft in einem Monat so viele Anzeigenkunden und Verkäufe habt, dass die Einnahmen höher sind als die Ausgaben, ist das super und es sei euch gegönnt.

 

Ihr druckt auch eigene Motive. Gibt es da richtige Kollektionen und wer ist der kreative Kopf bei den Motiven?

Measy: Bei den Tante Guerilla-Shirts hat sich das mittlerweile so entwickelt, dass viele Leute gespannt auf die neue „Kollektion“ warten. Das freut uns natürlich. Die Ideen kommen von Alex und mir… Oft sogar abwechselnd. Wir stellen dann drei bis fünf Motive zusammen und nehmen davon die drei besten. Ich würde sagen zwei bis drei Mal im Jahr. Die Shirts gibt es nur in unserem Onlineshop oder den beiden Tante Guerilla-Shops. Dort kann man sich sogar vor Ort die Farbe des Shirts aussuchen und das Shirt wird direkt gedruckt.

 

Ihr macht zwei Shirts zusammen mit dem Trust-Zine. Wie und warum kam es zu dieser Koop?

Alex: Bei den Shirt-Motiven handelt es sich um zwei Cover von Ausgaben des Trust-Fanzines. Diese Cover fanden wir von Stil her sehr gut, sprich: schlicht und aussagekräftig. Wir haben daraufhin bei Dolf nachgefragt, ob sie Lust darauf hätten und so kam die Sache ins Rollen. Bei diesem Projekt, war es wichtig, dass die Sachen qualitativ hochwertig und Fair-Trade sind.

 

 

Ich schätze nicht alles, was ihr anbietet, ist „Fair-Trade“, eure eigenen Sachen aber schon. Wie unterscheidet ihr da?

Measy: Wir achten sehr darauf, dass unser Angebot ethisch in Ordnung ist. Das heißt, dass uns nichts in den Laden kommt, von dem wir wissen, dass mit der Ware produktionstechnisch etwas nicht mit rechten Dingen vorgeht oder Menschen leiden müssen, damit das Produkt hergestellt werden kann. Mit American Apparel und Continental Clothing fahren wir da auf dem richtigen Weg.

Alex: Natürlich können wir nicht jedes Produkt eines Herstellers in dieser Hinsicht komplett überprüfen, dafür fehlt einfach die Zeit und natürlich auch das Geld. Sprich, wir müssen uns oft auf die Aussagen der Hersteller verlassen, da nicht alle Unternehmen und Hersteller eine Fair-Trade Zertifizierung besitzen. Im Zweifelfall fragen wir aber genauer nach und bei eigenen Sachen setzen wir ausschließlich auf Rohware, die zu 100% sweatshop-free ist.

 

Ihr macht auch Skate-Decks, was bedeutet euch Skateboarden?

Measy: Skateboarding ruined my Stepdance skills –  Unterstützt die kleinen deutschen Skateboardhersteller!

Alex: Measy und ich sind beide früher selbst gefahren und ich eiere ab und zu noch auf meinen Longboard den Berg runter. Ansonsten haben wir viele Bekannte, die richtig gut fahren und im Lebensstil gibt es hier viele Parallelen. Unsere Aufgabe sehen wir vielleicht darin, die Verbindung zwischen Punkrock und Skateboarding aufrecht zu erhalten.

 

In der Zeit der Downloads setzen immer mehr Firmen und Trittbrettfahrer auf den Handel mit Merch und Textilsachen an sich. Wie stellt sich diese Situation für euch dar?

Measy: Ich fasse mich da kurz: In solchen Zeiten setzt sich Qualität durch und bei uns ist man in jeglicher Hinsicht gut aufgehoben und gut beraten. Wir haben schon einige kommen und gehen gesehen. Am schlimmsten finde ich die, die aus dem Nichts kommen und den andern ans Bein pissen wollen.

Alex: Wir merken schon, dass viele Bands großen Wert auf Merch legen. Oft haben junge Bands schon eigene Shirts, bevor sie auch nur einen Ton aufgenommen haben. Das ist zuweilen schon lustig. Aber auch für etablierte Bands ist Merchandising wichtiger geworden, da beim Verkauf von Tonträgern einfach nicht mehr viel hängen bleibt. Also werden vermehrt Konzerte gespielt und Textilien verkauft. An und für sich auch nicht verwerflich, da gute Aufnahmen und die Produktion von Tonträgern nicht billig sind und eine Band auch sehen muss, wie sie diese finanzieren kann. Natürlich führt das auch irgendwann zu einem Überangebot an Konzerten und Merchandising. Aber mal sehen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln wird.

 

Gibt es Marken, die ihr bevorzugt, bzw. empfehlen könnt? Falls ja, warum?

Measy: Ich finde das Programm von American Apparel spitze: Top Qualität und Fair-Trade. Bei Schuhen sind MacBeth meine Favoriten, wegen dem Bezug zu Punk- und Rock-Musik und dem Vegan-Thema.

Alex: Es gibt auch einige hochpreisige „Fashion-Marken“, die großen Wert auf faire Produktionsbedingungen und gute Qualität legen. Cleptomanicx zum Beispiel. Aber im Ganzen muss man schon sagen, dass vor allem kleine Firmen mit dem „Fair-Trade-Gedanken“ im Textilbereich angefangen haben und dadurch ist mittlerweile bei vielen Käufern ein Bewusstsein dafür entstanden. Darauf reagieren jetzt auch immer öfter die großen Firmen, wobei hier natürlich gefragt werden muss, ob sie dies aus Überzeugung tun oder weil es nun gerade Trend ist. Wir bleiben gespannt.

 

Na und natürlich auch umgekehrt, was ist warum richtig kacke?

Measy: Richtig kacke finde ich persönlich die Firma NIKE. Darüber könnte man jetzt seitenweise Aufklärung betreiben. Mann muss einfach mal bei Google das Wort „Sweatshop“ eingeben und man hat ein paar Stündchen zu tun, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Zum Thema, dass Nike in der Punk-/Hardcore-/Straight Edge-Szene so gerne getragen wird, sag ich nur „Guru, Guru – Blut ist im Schuh“ – Keep Nike out of Hardcore!

Alex: Gerade in gewissen Bereichen der Hardcore-Szene gibt es viele Leute, die sich politisch sehr korrekt geben und sich nicht scheuen anderen Leuten Fehlverhalten vorzuwerfen. Wenn solche Leute gegen Ausbeutung von Menschen, Tieren und Erde sind, dann aber ihr Geld in völlig überteuerte Schuhe stecken, deren Herstellung genau diese Ausbeutung unterstützt, ist das schon paradox und ein bisschen doof.

 

Das ist doch mal ne Ansage, die den vorangegangenen Aussagen in nichts nach steht. Alex und Measy verfolgen mit ihren beiden Shops einen straighten Weg, den es zu unterstützen gilt. Denn ganz so üblich ist es ja nicht, dass Punks im weiteren Sinn von dem leben können, was ihnen Spaß macht und sie darüber hinaus ihre Ideale nicht über Bord werfen, oder sich selbst über die Maßen hinaus verbiegen müssen.

 

Bocky

 

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