THIS IS COPENHAGEN, MAAAAAN!!!
Vor Ablauf des Jahres habe ich mir noch mal gehörig in den Arsch treten lassen.
Freund Matze empfahl mir Night Fever aus Dänemark, welche bei ihm, Zitat, derzeit ein feuchtes Höschen verursachen! Zurecht, das mit der feuchten Hose übertrug sich und außerdem hatte ich Tagelang einen steifen Arm vom Faust recken beim Mitsingen.
Das Night Fever Debüt – New Blood ist mal das geilste Punkbrett das ich in den letzten Monaten zu hören bekommen habe. Ultrageiler Hardcore a la Void mit extrem Cockrock-eskem Gesang, aber als ob’s nicht schon cool genug ist hat es Sänger Salomon drauf, von einem Moment zum Anderen besser als Danzig zu klingen, von keifend-aggressiv zu hymnisch-theatralisch-geil, während des ersten Hörens bin ich fest davon ausgegangen das die zwei Sänger haben, aber nee, just him!
Beim herum recherchieren habe ich dann gesehen, das auf ihrem Myspaceprofil etwas von einem Secretgig in Mülheim/Ruhr stand. Eins und eins wurden zusammengezählt und das Ergebnis war, ich will da hin und wenn möglich ein Interview machen. Am selben Tag waren auch noch Germs und Hammerhead in Trier, aber Frische obsiegte und New Blood schmeckt frischer als alte Blutwurst. Also habe ich einfach mal auf blöd die Band angeschrieben und nachgefragt wie es denn mit einem Interview in Mülheim stünde. Nach einigem verwirrenden Hin und Her, da immer jemand anderes auf die Fragen antwortete und es außerdem zu einer seltsamen Datumsverwechslung kam, war klar alle haben Bock drauf, jetzt musste nur noch bekannt werden wo denn der Secretgig stattfinden würde. Ich wollte eh gen Ruhrpott an dem Wochenende und so verabredeten wir ein Telefonat kurz vor der Show in dem Ort und Zeit genannt werden sollten. Klingt konspirativer als es eigentlich war, für den Hauptteil der Verwirrung sorgten lustige Missverständnisse und holperiges Englisch meinerseits. Nach dem Telefonat erfuhr ich, das es sich um eine Privatparty handelte in deren Verlauf die Band Auftrete. Cool, in einer Privatwohnung! Also holte ich ein paar Freunde ab und wir fuhren los. In der Nähe des AZ’s kamen wir dann an und fanden die Wohnung recht schnell. Drinnen war es herzlich gemütlich, die Gastgeberin Mikisch (vielen Dank!!), stellte ihr Wohnzimmer zur Verfügung und in der Küche wurden Getränke ausgeschenkt. Unabhängig davon das die Wohnung alleine schon sehr chic war, machte es mich völlig kirre diese Knallerband in diesem Rahmen sehen zu können. Es waren vielleicht dreißig Leute da und diese alle gespannt wie Flitzebögen. Recht zeitig ging dann das Konzert los und Night Fever machten ihrem Namen alle Ehre. Die eh schon vorhandene Dynamik, da wir uns wie gesagt in einem Wohnzimmer befanden, wurde durch die aggressiv-energische Art von Sänger Salomon derart angeheizt das sich eine konstante Spannung einstellte. Das Konzert war ein Erlebnis und im Anschluss fand dieses Interview statt.
Ich möchte eigentlich lieber von einem Gespräch sprechen, da ich mich gelinde gesagt, kaum vorbereitet habe und eigentlich mit keiner festen Frage im Kopf gestartet habe. Was daraus geworden ist seht ihr hier. Ach ja, noch eins, das Interview habe ich zusammen mit meinem Freund Ben geführt. Deswegen – D&B!
D&B: Stellt euch kurz vor!
Jesper/Drums, Andreas/Bass, Salomon/Gesang, Mathias/Gitarre
(Andreas) Salomon und ich haben vor Jahren Arrigt Antræk gegründet. Wir haben eine 7 Inch auf Hjernespind Records rausgebracht. Dann haben wir Night Fever gegründet.
Night Fever gibt es inzwischen seit zwei Jahren.
D&B: Ihr habt diesen Song auf eurer LP, der Song über Rednecks in Kopenhagen… .
(Salomon) Ja, da geht’s im Prinzip um Leute die ein total überzogenes PC-Verhalten an den Tag legen und meinen uns sagen zu können was Sache ist und wie’s gemacht wird, aber erst seit kurzer Zeit in der Stadt und in der Szene sind. Wie zum Beispiel früher im „Ungdomshuset“, sie versuchen alles zu kontrollieren, zu allem ihren Senf abzugeben, spielen sich als die Oberrevoluzer auf. Es ist nichts wirklich schlimmes, aber es geht uns auf den Sack. Wenn du schon seit über neun Jahren dabei bist und dann kommt irgendwer der seit ein paar Wochen da ist und will dir sagen, das du dich wie ein Idiot benimmst und wie’s gemacht wird. Scumbags, eigentlich geht’s um kleine, blöde Nervereien.
Retardet Shit, wir bringen uns also nicht gegenseitig um, haha.
D&B: Als ich klein war bin ich oft mit meinen Eltern nach Dänemark in den Urlaub gefahren, Bornholm, Fünen und so, gibt’s da auch eine Punkszene, zwischen Idylle, Hinkelsteinen und alten Rundkirchen?
(Salomon) Ja gibt es, die ist zwar nicht so groß, aber Läden zum spielen sind in den wenigen größeren Städten auf jeden Fall da. Also kaum Squats, hauptsächlich städtische Jugendzentren und so. Es gibt zwar Leute die sich immer wieder bemühen aber in den Kleinstädten ist das schwierig, die haben da nicht so einen guten Stand.
D&B:Hjerte Stop, Love Potion, No Hope For The Kids, Ripping Headache, De Høje Hæle kommen auch alle aus Kopenhagen, richtig? Eine Menge cooler Bands… .
(Salomon) Ja, es war mal eine sehr große Szene, bevor das Ungdomshuset 2007 geräumt wurde..
D&B: Gibt es ein neues Gebäude, ein neues Hausprojekt?
(Salomon) Die Regierung hat uns ein neues Gebäude gegeben, gar nicht weit vom ehemaligen Ungdomshuset entfernt. Aber es wird niemals wieder das Selbe sein, es sind zwar immer noch Shows da, aber… ach!
D&B: Könnt ihr noch mal kurz erklären wo da der Sinn liegt, das eine Gebäude zu nehmen und euch ein anderes zu geben?
(Andreas) Es macht keinen Sinn. Erst mal war es eine absolute politische Fehlentscheidung, es gab soviel Druck und Unzufriedenheit auch von Seiten der Kopenhagener Bürger, der dänischen Bevölkerung. Viele berühmte dänische Musiker und Künstler solidarisierten sich mit dem Haus und sagten das es eine verdammt schlechte Idee war das Haus zu räumen. Und dann gab es natürlich eine Menge internationaler Riots in der Stadt rund um die Räumung.
Der Grund war, einige christliche Verrückte haben das Haus gekauft.
Das führte zu geballtem Widerstand und der Gründung eines Fonds mit dem versucht wurde das Haus zurückzukaufen. In dem Fond waren zuletzt drei Millionen Euro. Drei Millionen Euro war das letzte Angebot um das Haus zurückzukaufen. Da gab es unheimlich viel Gemauschel, löchrige Verträge und windige Richter. Diese Sekte „Faderhuset“ (Vaters Haus), kaufte die Immobilie samt der Company der es vorher gehörte und feierte das später als einen Sieg über Satan. Die Medien haben eine Zeitlang unheimlich viel über die berichtet, von den Praktiken, von Entführungen und das sie schon Kinder zu Kriegern Gottes erziehen wollen, von extremer Homophobie, Exorzismus von psychisch Kranken… .
Die Leute von Faderhuset versuchten einmal, nach dem sie das Haus schon gekauft hatten, aber während die Verhandlung noch lief, ins Ungdomhuset einzudringen und hatten Kinder im Arm und behinderte Menschen als Schild vor sich.
D&B: Unglaublich. Und das ganze hatte absolut keinen ökonomischen Hintergrund?
(Andreas) Nee, die haben alle eher Verluste gemacht, zumindest der dänische Staat.
D&B: Und das neue Haus?
(Salomon) Das sind zwei Gebäude, das größere heißt “Overdrevet”
und das kleinere “Dödsmaskinen”. Das ist im Grunde ähnlich, wir können DIY Konzerte veranstalten, haben geringe Kosten… . Die dachten sich, wenn sie das Ungdomshuset abreißen bleiben alle daheim und eine Menge der Aktivisten würden aufgeben, aber das Gegenteil war der Fall. Es sind viele junge Leute dazu gekommen.
D&B: Für alle die wie ich noch nie in Kopenhagen waren, mal ne Frage. Versucht Kopenhagen auch immer mehr zu einer „fancy City“ zu werden? Chic wirken und den Dreck nach außen kehren… ?
(Andreas) Ja, mehr und mehr! Wir haben die Fashionweek und so einen Scheiß! Die Stadt setzt die Mieten rauf und versucht ärmere Leute um zusiedeln, aus ehemals sozial schwachen Stadtteilen hippe Plätze zu machen die junge, kaufstarke Investoren anziehen.
Das Viertel in dem unser Haus liegt, hat viele junge Migranten und im Gegensatz dazu ältere, eher rechtsoffene, dänische Bürger, da ist es manchmal ziemlich hart und konfrontationen sind nicht ausgeschlossen.
D&B: Und dann ist da ja auch immer noch Christiania. Ist das ein Platz an dem ihr euch auch aufhaltet, oder eher einer für Künstler, Hippies und andere Aussteiger?
(Salomon) Klar, da gibt’s auch Läden in denen Punk läuft, z.B. im Loppen.. Da war unsere Releaseparty. Aber Christiania ist auch in dieser Normalisierungskampagne. Der Staat versucht die Leute dazu zu bringen in die Rentenkasse einzuzahlen und andere Abgaben zu zahlen. Christiania ist denen garantiert ein Dorn im Auge und sie wünschen sich das der Stadtteil sich normal eingliedert.
(Andreas) Das ist beste Wohnlage, mitten in der Stadt, direkt am Ufer.
D&B: Man hört immer wieder vom tollen skandinavischen Bildungssystem und der ach so liberalen Regierung, wie passt das mit vorher Genanntem zusammen? Also eigentlich habe ich gar keinen Plan was für eine Regierung derzeit in Dänemark regiert?
(Andreas) Man kann schon sagen das z.B. die soziale Absicherung, Krankenhäuser und Schulen in ihren Skalen einem hohen Standart entsprechen, aber dieser in den letzten 8 Jahren der rechten Regierung, immer mehr heruntergefahren wird. Es wird versucht all diese sozialen Einrichtungen zu privatisieren, Universitäten, Krankenhäuser… . Das ist alles in ganz kleinen Schritten passiert, so das man die Veränderung erst über einen längeren Zeitraum erkennen konnte, dann aber deutlich. Derzeit ist eine rechts-liberale Regierung an der Macht.
D&B: Habt ihr die Band aus klassischen Teenage-Angst Motiven und Langeweile gegründet?
(Salomon) Yeah, Andreas und ich (Salomon) haben zuerst zusammen in Arreg Antrek gespielt und wollte dann was neues machen weil wir gelangweilt waren.
D&B: Euer Cover ist die Härte Das ist gemalt habt ihr erzählt? Sieht aus wie ein Photo das dann nachträglich bearbeitet wurde, ohne das Ergebnis schmälern zu wollen.
(Salomon) Yeah das ist eine Zeichnung. Gemacht hat das ein Typ der sich “Balazs Kiss” nennt. Er hat einige Monate dafür gebraucht es zu zeichnen, aber nur weil er ein fauler Osteuropäer ist, er hätte es locker in einem Viertel der Zeit geschafft.
Er ist ein guter Freund von uns, war mit uns auf Tour, ist ein “real stand up hardcore dude” und ein obsessiver Plattensammler. Im Augenblick arbeitet er für IO Interactive, einer Computerspiele Firma die z.B. so Spiele wie Hitman – Blood Money oder Kane and Lynch – Dead Men entwickelt. Er malt normalerweise die Cover für diese Spiele!
D&B: Einer meiner liebsten Songs auf eurer 12“ ist New Blood. Ich mag die Aussage, das hier was neues passiert und nicht versucht wird 1982 in die Gegenwart zu transportieren, fettes Ausrufezeichen!
(Salomon) Exakt, es ist immer so, wenn man ältere Leute hört die sagen das es nicht so ist wie 1982 und es auch nicht so geil ist. Das ist Bullshit, es waren früher nicht halb so viele Leute wie heute in Kopenhagen aktiv und außerdem wollen wir etwas eigenes. It’s ridiculous!
D&B: Ich weiß nicht ob euch die Frage zu persönlich ist, aber einer von euch muss in den Knast, für wie lange und warum?
(Mathias) Das bin dann wohl ich. Ich war im Ungdomshuset als sie es geräumt haben. Wir sind zu einem Jahr und drei Monaten verurteilt worden. Derzeit sind wir vor einem höheren Gericht, das Urteil wird nächste Woche gefällt, irgendwas zwischen einem und zwei Jahren… . Ein halbes Jahr davon habe ich schon abgesessen.
D&B: Hast du Angst davor in den Knast zu gehen?
(Mathias) Nein, die dänischen Knäste sind kein Vergleich zu anderen Knästen, dort geht es dir einigermaßen gut. Das einzige Problem ist, das ich eine kleines Kind habe und es nicht möglich sein wird ihn oft zu sehen.
D&B: Wie viele wurden da verurteilt?
(Mathias) Wir waren 36, aber 21 von uns waren aus anderen Ländern, die wurden nach ein paar Tagen abgeschoben. Dann waren wir 15, jetzt sind wir nur noch 10 oder so was.
D&B: Themawechsel, euer Song „Wasted“, ist das ein Joke, oder eine Mischung aus Hedonismus und Abfuck? So von wegen dem Refrain: I can’t stay away from Coke, Speed, Coke, Speed… !
(Salomon) Das ist ein persönlicher Song, wenn du den Text liest… es ist kein Fun-Song. Ich mag Straight Edge Musik sehr und ich wollte immer schon so eine Hymne schreiben wie z.B. Straight Edge Revenge von Project X, das Problem ist, ich bin nicht Straight Edge, ich bin ein zu massiver Kokser, haha. Das ist kein Pro-Song, nach dem Motto nehmt Drogen… er befasst sich eher mit meiner Situation. Ich nehme die ganze Zeit über Drogen und versuche auch immer wieder aufzuhören, weil z.B. die meisten meiner Freunde denken ich sei ein blödes retardiertes Arschloch, wie z.B. die da (zeigt auf den Rest der Band, lacht). Aber es ist eine gute Hymne!
D&B: Gerade während des Konzertes habt ihr einen Song angekündigt, als einen neuen Song und als „most retarded song“ den ihr jemals geschrieben habt? Klingt super, worum geht’s?
(Salomon) Der Song heißt K-Town Hardcore. Wie Kopenhagen halt. Ich wollte noch ne Hymne schreiben, über K-Town Hardcore, aber ich kann nicht sagen, yeah K-Town ist der geilste Shit, blabla… vor allem auch, weil’s das nicht ist. Ich mein es ist ein Haufen retardierter Kids die einfach Spaß haben. Der Text geht einfach: What is this I hear, what is this I see? Is it a bird, is it a plane? No you dumbfuck, it’s K-Town Hardcore, one, two, three, four!
Hahaha! Allgemeines Gelächter
(Andreas) Der Refrain ist: K-Town Hardcore get on the dancefloor, K-Town Hardcore that’s what we’re here for!
Mehr Spaß, kein Gepredige!
D&B: Kommt bald was neues, nehmt ihr was auf gerade?
(Salomon) Wir können uns nicht einigen, ich will eine 7 Inch, die anderen wollen warten bis wir genug Material für eine neue 12 Inch haben, fuck those guys!
D&B: Eure letzten Worte!
Fuck this Band, aber danke für die Unterhaltung!
dennisdegenerate
Fotos: Stateless Society Shots
(Hardcover, Ox-Verlag, 178 Seiten, 29,80 Euro)
(Taschenbuch, Iron Pages, 248 Seiten, 19,90 Euro)
(Taschenbuch, U Books, 222 Seiten, 9,95 Euro)
(Taschenbuch, Verlag Andreas Reiffer, 124 Seiten, 10 Euro)