Interview mit Night Fever

THIS IS COPENHAGEN, MAAAAAN!!!

Vor Ablauf des Jahres habe ich mir noch mal gehörig in den Arsch treten lassen.

Freund Matze empfahl mir Night Fever aus Dänemark, welche bei ihm, Zitat, derzeit ein feuchtes Höschen verursachen! Zurecht, das mit der feuchten Hose übertrug sich und außerdem hatte ich Tagelang einen steifen Arm vom Faust recken beim Mitsingen.

Das Night Fever Debüt – New Blood ist mal das geilste Punkbrett das ich in den letzten Monaten zu hören bekommen habe. Ultrageiler Hardcore a la Void mit extrem Cockrock-eskem Gesang, aber als ob’s nicht schon cool genug ist hat es Sänger Salomon drauf, von einem Moment zum Anderen besser als Danzig zu klingen, von keifend-aggressiv zu hymnisch-theatralisch-geil, während des ersten Hörens bin ich fest davon ausgegangen das die zwei Sänger haben, aber nee, just him!

Beim herum recherchieren habe ich dann gesehen, das auf ihrem Myspaceprofil etwas von einem Secretgig in Mülheim/Ruhr stand. Eins und eins wurden zusammengezählt und das Ergebnis war, ich will da hin und wenn möglich ein Interview machen. Am selben Tag waren auch noch Germs und Hammerhead in Trier, aber Frische obsiegte und New Blood schmeckt frischer als alte Blutwurst. Also habe ich einfach mal auf blöd die Band angeschrieben und nachgefragt wie es denn mit einem Interview in Mülheim stünde. Nach einigem verwirrenden Hin und Her, da immer jemand anderes auf die Fragen antwortete und es außerdem zu einer seltsamen Datumsverwechslung kam, war klar alle haben Bock drauf, jetzt musste nur noch bekannt werden wo denn der Secretgig stattfinden würde. Ich wollte eh gen Ruhrpott an dem Wochenende und so verabredeten wir ein Telefonat kurz vor der Show in dem Ort und Zeit genannt werden sollten. Klingt konspirativer als es eigentlich war, für den Hauptteil der Verwirrung sorgten lustige Missverständnisse und holperiges Englisch meinerseits. Nach dem Telefonat erfuhr ich, das es sich um eine Privatparty handelte in deren Verlauf die Band Auftrete. Cool, in einer Privatwohnung! Also holte ich ein paar Freunde ab und wir fuhren los. In der Nähe des AZ’s kamen wir dann an und fanden die Wohnung recht schnell. Drinnen war es herzlich gemütlich, die Gastgeberin Mikisch (vielen Dank!!), stellte ihr Wohnzimmer zur Verfügung und in der Küche wurden Getränke ausgeschenkt. Unabhängig davon das die Wohnung alleine schon sehr chic war, machte es mich völlig kirre diese Knallerband in diesem Rahmen sehen zu können. Es waren vielleicht dreißig Leute da und diese alle gespannt wie Flitzebögen. Recht zeitig ging dann das Konzert los und Night Fever machten ihrem Namen alle Ehre. Die eh schon vorhandene Dynamik, da wir uns wie gesagt in einem Wohnzimmer befanden, wurde durch die aggressiv-energische Art von Sänger Salomon derart angeheizt das sich eine konstante Spannung einstellte. Das Konzert war ein Erlebnis und im Anschluss fand dieses Interview statt.

Ich möchte eigentlich lieber von einem Gespräch sprechen, da ich mich gelinde gesagt, kaum vorbereitet habe und eigentlich mit keiner festen Frage im Kopf gestartet habe. Was daraus geworden ist seht ihr hier. Ach ja, noch eins, das Interview habe ich zusammen mit meinem Freund Ben geführt. Deswegen – D&B!

D&B: Stellt euch kurz vor!

Jesper/Drums, Andreas/Bass, Salomon/Gesang, Mathias/Gitarre

(Andreas) Salomon und ich haben vor Jahren Arrigt Antræk gegründet. Wir haben eine 7 Inch auf Hjernespind Records rausgebracht. Dann haben wir Night Fever gegründet.

Night Fever gibt es inzwischen seit zwei Jahren.

D&B: Ihr habt diesen Song auf eurer LP, der Song über Rednecks in Kopenhagen… .

(Salomon) Ja, da geht’s im Prinzip um Leute die ein total überzogenes PC-Verhalten an den Tag legen und meinen uns sagen zu können was Sache ist und wie’s gemacht wird, aber erst seit kurzer Zeit in der Stadt und in der Szene sind. Wie zum Beispiel früher im „Ungdomshuset“, sie versuchen alles zu kontrollieren, zu allem ihren Senf abzugeben, spielen sich als die Oberrevoluzer auf. Es ist nichts wirklich schlimmes, aber es geht uns auf den Sack. Wenn du schon seit über neun Jahren dabei bist und dann kommt irgendwer der seit ein paar Wochen da ist und will dir sagen, das du dich wie ein Idiot benimmst und wie’s gemacht wird. Scumbags, eigentlich geht’s um kleine, blöde Nervereien.

Retardet Shit, wir bringen uns also nicht gegenseitig um, haha.

D&B: Als ich klein war bin ich oft mit meinen Eltern nach Dänemark in den Urlaub gefahren, Bornholm, Fünen und so, gibt’s da auch eine Punkszene, zwischen Idylle, Hinkelsteinen und alten Rundkirchen?

(Salomon) Ja gibt es, die ist zwar nicht so groß, aber Läden zum spielen sind in den wenigen größeren Städten auf jeden Fall da. Also kaum Squats, hauptsächlich städtische Jugendzentren und so. Es gibt zwar Leute die sich immer wieder bemühen aber in den Kleinstädten ist das schwierig, die haben da nicht so einen guten Stand.

D&B:Hjerte Stop, Love Potion, No Hope For The Kids, Ripping Headache, De Høje Hæle kommen auch alle aus Kopenhagen, richtig? Eine Menge cooler Bands… .

(Salomon) Ja, es war mal eine sehr große Szene, bevor das Ungdomshuset 2007 geräumt wurde..

D&B: Gibt es ein neues Gebäude, ein neues Hausprojekt?

(Salomon) Die Regierung hat uns ein neues Gebäude gegeben, gar nicht weit vom ehemaligen Ungdomshuset entfernt. Aber es wird niemals wieder das Selbe sein, es sind zwar immer noch Shows da, aber… ach!

D&B: Könnt ihr noch mal kurz erklären wo da der Sinn liegt, das eine Gebäude zu nehmen und euch ein anderes zu geben?

(Andreas) Es macht keinen Sinn. Erst mal war es eine absolute politische Fehlentscheidung, es gab soviel Druck und Unzufriedenheit auch von Seiten der Kopenhagener Bürger, der dänischen Bevölkerung. Viele berühmte dänische Musiker und Künstler solidarisierten sich mit dem Haus und sagten das es eine verdammt schlechte Idee war das Haus zu räumen. Und dann gab es natürlich eine Menge internationaler Riots in der Stadt rund um die Räumung.

Der Grund war, einige christliche Verrückte haben das Haus gekauft.

Das führte zu geballtem Widerstand und der Gründung eines Fonds mit dem versucht wurde das Haus zurückzukaufen. In dem Fond waren zuletzt drei Millionen Euro. Drei Millionen Euro war das letzte Angebot um das Haus zurückzukaufen. Da gab es unheimlich viel Gemauschel, löchrige Verträge und windige Richter. Diese Sekte „Faderhuset“ (Vaters Haus), kaufte die Immobilie samt der Company der es vorher gehörte und feierte das später als einen Sieg über Satan. Die Medien haben eine Zeitlang unheimlich viel über die berichtet, von den Praktiken, von Entführungen und das sie schon Kinder zu Kriegern Gottes erziehen wollen, von extremer Homophobie, Exorzismus von psychisch Kranken… .

Die Leute von Faderhuset versuchten einmal, nach dem sie das Haus schon gekauft hatten, aber während die Verhandlung noch lief, ins Ungdomhuset einzudringen und hatten Kinder im Arm und behinderte Menschen als Schild vor sich.

D&B: Unglaublich. Und das ganze hatte absolut keinen ökonomischen Hintergrund?

(Andreas) Nee, die haben alle eher Verluste gemacht, zumindest der dänische Staat.

 D&B: Und das neue Haus?

(Salomon) Das sind zwei Gebäude, das größere heißt “Overdrevet”
und das kleinere “Dödsmaskinen”. Das ist im Grunde ähnlich, wir können DIY Konzerte veranstalten, haben geringe Kosten… . Die dachten sich, wenn sie das Ungdomshuset abreißen bleiben alle daheim und eine Menge der Aktivisten würden aufgeben, aber das Gegenteil war der Fall. Es sind viele junge Leute dazu gekommen.

D&B: Für alle die wie ich noch nie in Kopenhagen waren, mal ne Frage. Versucht Kopenhagen auch immer mehr zu einer „fancy City“ zu werden? Chic wirken und den Dreck nach außen kehren… ?

(Andreas) Ja, mehr und mehr! Wir haben die Fashionweek und so einen Scheiß! Die Stadt setzt die Mieten rauf und versucht ärmere Leute um zusiedeln, aus ehemals sozial schwachen Stadtteilen hippe Plätze zu machen die junge, kaufstarke Investoren anziehen.

Das Viertel in dem unser Haus liegt, hat viele junge Migranten und im Gegensatz dazu ältere, eher rechtsoffene, dänische Bürger, da ist es manchmal ziemlich hart und konfrontationen sind nicht ausgeschlossen.

D&B: Und dann ist da ja auch immer noch Christiania. Ist das ein Platz an dem ihr euch auch aufhaltet, oder eher einer für Künstler, Hippies und andere Aussteiger?

(Salomon) Klar, da gibt’s auch Läden in denen Punk läuft, z.B. im Loppen.. Da war unsere Releaseparty. Aber Christiania ist auch in dieser Normalisierungskampagne. Der Staat versucht die Leute dazu zu bringen in die Rentenkasse einzuzahlen und andere Abgaben zu zahlen. Christiania ist denen garantiert ein Dorn im Auge und sie wünschen sich das der Stadtteil sich normal eingliedert.

(Andreas) Das ist beste Wohnlage, mitten in der Stadt, direkt am Ufer.

D&B: Man hört immer wieder vom tollen skandinavischen Bildungssystem und der ach so liberalen Regierung, wie passt das mit vorher Genanntem zusammen? Also eigentlich habe ich gar keinen Plan was für eine Regierung derzeit in Dänemark regiert?

(Andreas) Man kann schon sagen das z.B. die soziale Absicherung, Krankenhäuser und Schulen in ihren Skalen einem hohen Standart entsprechen, aber dieser in den letzten 8 Jahren der rechten Regierung, immer mehr heruntergefahren wird. Es wird versucht all diese sozialen Einrichtungen zu privatisieren, Universitäten, Krankenhäuser… . Das ist alles in ganz kleinen Schritten passiert, so das man die Veränderung erst über einen längeren Zeitraum erkennen konnte, dann aber deutlich. Derzeit ist eine rechts-liberale Regierung an der Macht.

D&B: Habt ihr die Band aus klassischen Teenage-Angst Motiven und Langeweile gegründet?

(Salomon) Yeah, Andreas und ich (Salomon) haben zuerst zusammen in Arreg Antrek gespielt und wollte dann was neues machen weil wir gelangweilt waren.

D&B: Euer Cover ist die Härte Das ist gemalt habt ihr erzählt? Sieht aus wie ein Photo das dann nachträglich bearbeitet wurde, ohne das Ergebnis schmälern zu wollen.

(Salomon) Yeah das ist eine Zeichnung. Gemacht hat das ein Typ der sich “Balazs Kiss” nennt. Er hat einige Monate dafür gebraucht es zu zeichnen, aber nur weil er ein fauler Osteuropäer ist, er hätte es locker in einem Viertel der Zeit geschafft.
Er ist ein guter Freund von uns, war mit uns auf Tour, ist ein “real stand up hardcore dude” und ein obsessiver Plattensammler. Im Augenblick arbeitet er für IO Interactive, einer Computerspiele Firma die z.B. so Spiele wie Hitman – Blood Money oder Kane and Lynch – Dead Men entwickelt. Er malt normalerweise die Cover für diese Spiele!

D&B: Einer meiner liebsten Songs auf eurer 12“ ist New Blood. Ich mag die Aussage, das hier was neues passiert und nicht versucht wird 1982 in die Gegenwart zu transportieren, fettes Ausrufezeichen!

(Salomon) Exakt, es ist immer so, wenn man ältere Leute hört die sagen das es nicht so ist wie 1982 und es auch nicht so geil ist. Das ist Bullshit, es waren früher nicht halb so viele Leute wie heute in Kopenhagen aktiv und außerdem wollen wir etwas eigenes. It’s ridiculous!

D&B: Ich weiß nicht ob euch die Frage zu persönlich ist, aber einer von euch muss in den Knast, für wie lange und warum?

(Mathias) Das bin dann wohl ich. Ich war im Ungdomshuset als sie es geräumt haben. Wir sind zu einem Jahr und drei Monaten verurteilt worden. Derzeit sind wir vor einem höheren Gericht, das Urteil wird nächste Woche gefällt, irgendwas zwischen einem und zwei Jahren… . Ein halbes Jahr davon habe ich schon abgesessen.

D&B: Hast du Angst davor in den Knast zu gehen?

(Mathias) Nein, die dänischen Knäste sind kein Vergleich zu anderen Knästen, dort geht es dir einigermaßen gut. Das einzige Problem ist, das ich eine kleines Kind habe und es nicht möglich sein wird ihn oft zu sehen.

D&B: Wie viele wurden da verurteilt?

(Mathias) Wir waren 36, aber 21 von uns waren aus anderen Ländern, die wurden nach ein paar Tagen abgeschoben. Dann waren wir 15, jetzt sind wir nur noch 10 oder so was.

D&B: Themawechsel, euer Song „Wasted“, ist das ein Joke, oder eine Mischung aus Hedonismus und Abfuck? So von wegen dem Refrain: I can’t stay away from Coke, Speed, Coke, Speed… !

(Salomon) Das ist ein persönlicher Song, wenn du den Text liest… es ist kein Fun-Song. Ich mag Straight Edge Musik sehr und ich wollte immer schon so eine Hymne schreiben wie z.B. Straight Edge Revenge von Project X, das Problem ist, ich bin nicht Straight Edge, ich bin ein zu massiver Kokser, haha. Das ist kein Pro-Song, nach dem Motto nehmt Drogen… er befasst sich eher mit meiner Situation. Ich nehme die ganze Zeit über Drogen und versuche auch immer wieder aufzuhören, weil z.B. die meisten meiner Freunde denken ich sei ein blödes retardiertes Arschloch, wie z.B. die da (zeigt auf den Rest der Band, lacht). Aber es ist eine gute Hymne!

D&B: Gerade während des Konzertes habt ihr einen Song angekündigt, als einen neuen Song und als „most retarded song“ den ihr jemals geschrieben habt? Klingt super, worum geht’s?

(Salomon) Der Song heißt K-Town Hardcore. Wie Kopenhagen halt. Ich wollte noch ne Hymne schreiben, über K-Town Hardcore, aber ich kann nicht sagen, yeah K-Town ist der geilste Shit, blabla… vor allem auch, weil’s das nicht ist. Ich mein es ist ein Haufen retardierter Kids die einfach Spaß haben. Der Text geht einfach: What is this I hear, what is this I see? Is it a bird, is it a plane? No you dumbfuck, it’s K-Town Hardcore, one, two, three, four!

Hahaha! Allgemeines Gelächter

(Andreas) Der Refrain ist: K-Town Hardcore get on the dancefloor, K-Town Hardcore that’s what we’re here for!

Mehr Spaß, kein Gepredige!

D&B: Kommt bald was neues, nehmt ihr was auf gerade?

(Salomon) Wir können uns nicht einigen, ich will eine 7 Inch, die anderen wollen warten bis wir genug Material für eine neue 12 Inch haben, fuck those guys!

D&B: Eure letzten Worte!

Fuck this Band, aber danke für die Unterhaltung!

dennisdegenerate

Fotos: Stateless Society Shots

www.myspace.com/nightfever69

www.balazskiss.com/

www.wikipedia.org/wiki/Faderhuset

Interview mit Strike Anywhere

Strike Anywhere sind wohl ein der erfolgreichsten Hardcore-Punk Bands der Welt. Die Alben Change is a Sound und Exit English gehören zu den Must-Haves und Klassikern des Genres und durch beständiges Touren hat sich die Band eine große Fanbase weltweit erspielt. Anlässlich einer Tour mit Pennywise und A Wilhelm Scream kam die Band erneut nach Deutschland und machten unter anderem Halt in München, wo ich die Chance hatte mit Thomas Barnett, dem Sänger und Texter der Band zu sprechen. Das ist jedes Mal ein ganz besonderes Vergnügen, denn Thomas ist einer der angenehmsten Interviewpartner überhaupt und weiß viel zu erzählen, auch wenn das Interview dann häufig in die weltpolitischen Sphären abschweift. Aber auch über die deutsche Politik weiß der Mann Bescheid und ist interessiert. Und so plauderten wir erstmal gut 15 Minuten über die Lage in Deutschland und dem Rest der Welt, bevor wir das Interview begonnen um über die vielen Dinge, die es rund um seine Band zu Berichten gibt, zu sprechen.

Thomas, ihr habt letztes Jahr 10 jähriges Jubiläum gefeiert – herzlichen Glückwunsch. Bist du zufrieden mit eurer bisherigen Karriere?

Danke. Aber wir sehn das ganze nicht unbedingt als Karriere an, sondern eher als das was wir eben tun. Ich fühle mich wirklich geehrt, dass wir die Chance haben immer noch die Musik zu spielen, die wir lieben und an die wir glauben. Es ist großartig sich in einer weltweiten Punk Community zu bewegen, die mit uns singt und die ihre Ideen verwirklicht. Es ist auch sehr interessant in einer Zeit zu touren, in der niemand mehr Musik zu kaufen scheint. Das macht das ganze spannend, da es schwieriger wird und wir immer Schritt für Schritt planen müssen und eine gewisse Sicherheit nicht mehr haben. Aber das ist eben wiederum Punkrock! Es gibt keinen Business Plan und keine Karriere, jedenfalls nicht im ursprünglichen Sinn, die man seiner Familie erklären kann. Es ist eher unsere persönliche Mission die unser Leben bestimmt und die wir lieben.

Gibt’s Dinge die du bereust oder anders machen würdest?

Nein, eigentlich nicht. Es gab natürlich einige Dinge, wie einige Touren oder Shows, die etwas seltsam waren und die wir heute nicht mehr so machen würden. Aber wir haben viel gelernt. Wir haben, zum Beispiel, 2005 die Warped Tour gespielt. Das war wirklich komisch. Aber wir haben dennoch ein paar wichtige Connections gemacht und coole Leute getroffen. Wir sind dadurch auch an Orte gekommen, in denen wir sonst nie gespielt hätten und waren sechs Wochen lang voller Staub und Sand. Nach sechs Wochen mussten wir die Tour verlassen um uns Jobs zu suchen und eine Weile Abstand von Punkrock gewinnen. Wir mussten uns erstmal wieder neu finden und orientieren. Ohne die Warped Tour hätten wir wahrscheinlich einfach weiter gemacht wie vorher und das alles für selbstverständlich angesehen. Aber die Warped Tour ist eben das Beispiel schlechthin für eine Kommerzialisierung der Jugendkulturen und eine Oberflächlichkeit, die damit Einzug hält. Es ist egal ob Punk, Metal, oder Emo. Alles soll den Kids verkauft werden und es ist extrem schwierig als Band die etwas zu sagen hat und für die das ganze eben mehr ist als nur Musik, da nicht unterzugehen in dieser unglaublich großen Masse an Bands und Stilen. Es war für uns wichtig die Warped Tour mal zu spielen, um zu wissen, dass wir das nie wieder mitmachen müssen. Das wäre die einzige Sache die mir einfällt, die ich bereue, aber es war eher eine Lernerfahrung.

Ich dachte eigentlich eher an so was wie „Oh Gott hatten wir damals schreckliche Frisuren“?

Haha, Oh nein. Wir haben immer noch schreckliche Frisuren. Solche Sachen musst du mich dann in 20 Jahren fragen.

Es ist viel passiert bei Strike Anywhere. Neues Label, neues Album. Kann es sein, dass es schwieriger ist eure Platte zu bekommen, seit ihr bei Bridge 9 seid?

Das hab ich bisher noch nicht gehört. Ich glaube aber Bridge 9 verkauft viel direkt übers Internet. Die Kids in Osteuropa kennen Iron Front besser als die anderen Alben. In England ist Bridge 9 bekannter und besser erhältlich als Fat. Aber ich denke, dass Bridge 9 ein bisschen mehr im Underground verwurzelt ist als Fat Wreck Chords, die eher ein wenig distanziert wirken. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass der Vertrieb nicht so gut ist, da Fat einfach ein viel größeres Label ist. Aber wir suchen uns unser Label selbstverständlich nicht nach diesen Kriterien aus. Es muss für uns einfach passen. Für uns ist vor allem wichtig welche Werte die Leute haben und dass das Label einen guten Bezug zur Subkultur hat und wir unsere komplette künstlerische Freiheit haben. Es fällt mir auch etwas schwer mittlerweile einen Bezug zu den ganzen Dingen, die Fat Mike verkörpert, macht und die er zelebriert, zu haben. Ich glaube zwar, dass er ein Genie ist, aber so Sachen wie seine Cokie the Clown Nummer oder das abfeiern von Drogen, versteh ich nicht unbedingt. Aber die Westküste ist eben eine andere Welt als die Ostküste. Unsere Szene hat eher die Nähe zur DIY Kultur der Washingtoner Szene beibehalten, während die Labels und Bands von der Westküste reich geworden sind. Für uns ist das einfach eine ganz andere Welt und Bridge 9 versteht uns da als Ostküsten Label auch von der Mentalität und Herangehensweise einfach besser. Sie sind zwar viel kleiner, aber haben immer noch diese Aggression, Attitüde und den Sinn für die kleinen aber wichtigen Details, die wir schätzen.

Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, wart ihr mit Rise Against auf Tour. Wie war es diese riesigen ausverkauften Hallen zu spielen?

Das war echt verrückt. Es waren immer zwischen 3000 und 4000 Leute bei den Shows. In Hamburg haben wir sogar in einer riesigen Hockeyhalle oder einem ähnlichen Sportstadion gespielt. Das war echt irre. Aber es war toll. Rise Against sind echt super Leute, mit denen man super touren kann. Sie sind einfach gute Menschen und haben die richtigen Ideale. Und auch wenn sie mittlerweile unglaublich erfolgreich sind und riesige Hallen spielen macht es immer noch jedes Mal Spaß mit ihnen zu touren, weil sie immer noch sie selbst geblieben sind. Ich glaube auch sie wissen, dass die Oldschool Fans Probleme mit solch riesigen Shows haben, aber das ist eben ein Deal den sie eingegangen sind. Es ist aber auch gut, denn Rise Against sind, wenn man so will, die einzigen in der Rockwelt, die für ihre Ideale wie Tierrechte, ihre politischen Ansichten oder für revolutionäre Ideen einstehen. Wenn irgendjemand so groß sein sollte, bin ich froh, dass sie es sind.

Lass uns über die neue Platte reden. Hurra! Der alte Punkrock Sound ist zurück!

Genau! Gefällt es dir?

Ja, es hat mich vor allem an eure Jade Tree Alben erinnert.

Als wir begannen die Musik für Iron Front zu schreiben erinnerten uns die neuen Stücke ziemlich an diese Alben. Ich glaube, dass vieles daher kommt, dass wir einen neuen Gitarristen haben. Mark Miller ersetzte Matt Sherwood und da er jünger ist als wir, ist er mit Change is a Sound aufgewachsen. Als wir anfingen die Musik zu schreiben, wollte er dieses Gefühl wieder einfangen. Weißt du, bei uns steuern alle Gitarrenparts und Ideen bei und am Ende geben sie mir die Stücke und ich versuche die Texte dazu zu schreiben und dem Song ein bestimmtes Gefühl zu geben. Und wir wollten dieses Gefühl der ersten Platten wieder kreieren und ich freue mich, dass dir das aufgefallen ist. Wir sind sehr zufrieden, wie Iron Front klingt.

Der Titel eures neuen Albums ist Iron Front. Die eiserne Front war ein Zusammenschluss von Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern, die die Nazis aufhalten wollten. Wie weißt du so gut über die deutsche Geschichte bescheid? Seid ihr Geschichtsnerds?

In gewisser Weise ja. Ich hab zwar keinen Highschool Abschluss, aber hab mir über die Jahre eine ganz gute Allgemeinbildung angelesen. Es geht meiner Meinung nach bei Bildung immer darum, wie das Instrument der Geschichte „gestimmt“ ist. Es kommt immer darauf an, welche Aspekte der Geschichte man betont. Bei uns in den USA und vor allem im Süden, wo wir herkommen, herrscht eine rassistische und aristokratische Sichtweise vor. Die Welt wird nur aus einer Sichtweise gesehen. Ich glaube, daher sollten wir die eiserne Front näher betrachten. Diese Leute haben auch den Antifaschistischen Kreis ins Leben gerufen, den wir und viele andere Bands benutzen und der ein Zeichen gegen Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus ist. Ich glaube, dass viele die das Symbol der drei Pfeile benutzen gar nicht so richtig wissen, wofür dieses steht und auch nichts über die Geschichte dahinter wissen. Und da wir das Symbol schon so lange mit unserer Band benutzen, wollten wir die Leute daran erinnern, dass es den Antifaschistischen Kreis schon lange vor dem Punkrock gab. Dass die Leute ihn damals benutzten um gegen das Dritte Reich und die Nazis zu agieren. Die ursprünglich Bedeutung der drei Pfeile ist ja: Anti-Weimar, Anti-Stalin und Anti-Nazi. Diese Feinde gibt es zwar heut nicht mehr, aber das wofür diese Feinde standen gibt es auch heute noch sehr wohl. Es gibt immer noch einen wirtschaftsfixierten Staat, international agierende kapitalistische Banken, die den Leuten den Zugang zu nötigen Ressourcen und zu ihrer Wirtschaft verwehren. Das ist für mich faschistisch. Und ein Gefühl der militärischen Vorherrschaft in der Welt und dieses alte Empire-Gefühl, das ist genau das was die USA gerade im Irak und Afghanistan ausüben. All diese Dinge sind genau das, was Sergej Tschachotinbekämpfen wollte, als er den Antifaschistischen Kreis 1931 entwarf.

Aber es gibt heute sehr wohl noch Neonazis und Faschos!

Ja, selbstverständlich. Bei den anderen beiden könnte man sich lange überlegen, was denn heute die Equivalenzen wären. Aber du hast recht, für den Anti-Nazi Punkt muss man nicht lange suchen. Weil Neonazis, der Ku-Klux-Klan, die Antieinwanderungsbewegung, die Milizen und die Tea Party Bewegung verkörpern alle denselben Rassismus. Die Tea Party Bewegung ist eigentlich nur eine Reaktion der extremen Rechten in den USA auf einen schwarzen Präsidenten. Das ist so unglaublich bescheuert. Dabei haben sie nicht mal irgendwelche ausformulierten politischen Ziele, außer ein Gefasel von bewaffnetem Widerstand.

Aber sie haben Sarah Palin.

Das ist richtig. Die haben sie. Und vielleicht werden sie bald sehen, dass das ihre Achillesverse sein könnte. Das schlimmste ist, dass sie noch nicht einmal die schlimmste der konservativen Politiker ist.

Lass uns ein bisschen über ein paar Songs des neuen Albums reden. Im Song „I’m your opposite Number“ singst du: „… Forgotten in all this change – new faces same system it’s true Fuck you“. Ist das deine Abrechnung mit der Obama Hysterie?

Es geht definitiv darum, dass die Demokraten eine Partei des wirtschaftlichenReichtums sind, genauso wie die Republikaner. Ihre sozialen Werte sind etwas anders ausgerichtet oder designt, und sie nehmen einen Aspekt eines Themas für sich ein, während die Republikaner einen anderen auswählen. Sie versuchen nur sich selbst zu vermarkten, sodass wir ihnen Macht geben. Das sind solche Dinge, die ich als Beobachter unserer Demokratie für mich herausgefunden habe, wie politische Parteien funktionieren. Wenn man sich also einmal anschaut, welchen Stellenwert Obamas Präsidentschaft für die Amerikaner hat, steht über allem, dass er der erste schwarze Präsident ist. Auf einmal schauen auch Leute, die sich davor nicht interessiert haben am politischen Geschehen teil und verfolgen dieses. Die Menschen, vor allem aus der schwarzen Arbeiterklasse, haben Obama gewählt, weil sie dachten, dass er ihre Stimme sein könnte. Es gibt das erste Mal das Gefühl, dass dieses eine Mal die Politik für sie gemacht werden könnte. Und wenn sich herausstellt, dass Obama diese Erwartungen nicht erfüllen kann, sondern einfach nur ein weiterer Präsident sein wird, ist das unsere Chance diese Leute für radikale Ideen zu gewinnen.

Ich muss zugeben, dass ich damals auch fasziniert war, wie Obama auftrat und versprach „Change“ zu bringen. Es war faszinierend, wie die Leute sich auf einmal wieder für Politik interessierten.

Ja, da stimme ich mit dir überein. Aber das Problem war, dass die Reaktion darauf ein totaler Backlash der Rechten in den USA war. Die Lobbyisten und riesige multi-million-Dollar Firmen, und die rechtsgerichtete Medienwelt versuchten alle auf den Kongress Druck auszuüben. Die Lobbygruppen machen eigentlich die Gesetze, und nicht etwa die Wähler oder Abgeordneten. Obwohl Obama ein intelligenter Mann ist, der auch für seine Werte und Ideale einsteht, kann er dagegen wenig ausrichten. In den USA haben manche Celebrities mehr Einfluss als der Präsident. Ich bin mal gespannt. Wir haben ja noch viel Zeit zu sehen, was Obama alles ausrichten kann. Aber es ist einfach so, dass die Republikaner versuchen alle Ideen Obamas zu blockieren und ihn als Sozialisten darzustellen. Es gibt in den USA Leute, die ihm auf Plakaten einen Hitlerbart verpassen. Daran sieht man wie verrückt einige wirklich sind. Es ist vielleicht sogar gefährlicher als unter George W. Bush, denn unter seiner Regierung waren alle wenigstens lethargisch und apathisch und nur diejenigen, die das System durchschauten waren aufgebracht. Jetzt sind alle Seiten aufgebracht und spielen langsam aber sicher verrückt. Da fragt man sich nur: Was geht eigentlich ab?

Es gibt auch ein kollektives Gefühl der Amnesie in den USA. Die Leute scheinen alles vergessen zu haben, was George W. Bush ihnen angetan hat. Wie er den demokratischen Prozess umgangen und Regeln verletzt hat, um in den Krieg zu ziehen. Jetzt versucht Obama auf der innenpolitischen Ebene vieles um das wieder gutzumachen. Dabei macht er aber viel zu viele Zugeständnisse. Ein Beispiel dafür wäre, dass es jetzt Ölplattformen vor der Küste Virginias geben wird. Man wird sie sogar vom Strand aus sehen können. Das wird Obamas Vermächtnis an die Umwelt sein und das ist sehr schade. Er tut das alles um die Republikaner zurück an den Verhandlungstisch zu holen. Dabei bräuchte er ihre Stimmen gar nicht. Er macht das nur aus einem nahezu ideologischen Ansatz heraus, dass er kein einseitiger parteiischer Präsident sein möchte. Er kann eigentlich nur verlieren.

Im Song Hand of Glory singst du: “What are you gonna do when it all comes crashing down on you?” Was wirst du dann machen?

Ich werde meinen eigenen Garten haben, sowie einige Solarzellen und leben wie vor der Apokalypse. Dann müssen wir wieder lernen in der Gemeinschaft zu Leben, außerhalb der ganzen Gewalt und des Systems. Das ist eigentlich genau das, was die DIY Punk Welt schon seit Jahren praktiziert. Ich weiß natürlich nicht auf alles eine Antwort, aber so ist das ja bei jedem. Wir müssen einfach lernen das Leben wieder eigenständig zu leben, ohne von der Regierung oder den Medien beeinflusst zu werden. Wir fangen einfach wieder an unsere eigene Form der Gesellschaft zu leben.

In dem Song geht’s eigentlich um den Zusammenbruch des ökonomischen Systems. Es geht um unseren psychopathischen Konsum-Kapitalismus. Es soll nicht darum gehen jede Art von Handel zu zerstören, denn eigentlich ist ja die Grundform einer Industrie das Resultat einer kollektiven Anstrengung und Investition. Es geht eher darum, dass unser gesamtes System auf der Ausbeutung von Ressourcen basiert, die irgendwann die Quellen und Flüsse austrocknen und alle natürlichen biologischen Reservate zerstören wird. Auch unsere Währung ist schon lang nicht mehr durch Gold abgesichert. Wir leben eigentlich in einem Haus aus Streichhölzern und es ist nur eine Frage der Zeit bevor es Feuer fängt.
All diese ganzen Absicherungen und wirtschaftlichen Annehmlichkeiten bedeuten nichts, aber gleichzeitig werden 5000 Leute in Kalifornien aus ihren Häusern geworfen, ohne rechtliche Grundlage, nur dass ein Banker einen Millionen Bonus bekommt. Das hat mit Zivilisation nichts mehr zu tun. Das ist Barbarei. Darum geht’s in „Hand of Glory“. Und das wichtigste dabei ist, dass wir uns immer bewusst machen müssen, dass diese ganzen Banken (Ghostbanks), Sicherheiten, Grundstücke und all die anderen Dinge, die gegen uns benutzt werden eigentlich uns gehören.

Also wieder „We’ll take back everything they steal“?

Haha, ja genau. Wir müssen diese Zeile auf jeder Platte haben. Wenn wir das nicht schaffen, dann stimmt was mit uns nicht. Wir versuchen uns nicht zu sehr zu wiederholen, aber das ist die Zeile, die muss immer mit rein.

Ihr habt auch Linernotes, was ich super finde. Erklär trotzdem noch mal worum es in dem Song „Summerpunks“ geht?

Danke für das Kompliment. Wir versuchen stets eine Platte zu machen, bei der es um mehr geht als nur ums tanzen. Versteh das nicht falsch, wir lieben es zu tanzen und wir lieben Musik, aber es geht uns mehr um so was wie bei den alten Folk Songs, bei denen auch immer hinter jedem Song eine Geschichte steckte.

Bei Summerpunks ist es folgende Geschichte:

Wir kommen ja alle aus dem Süden und unsere Familien wuchsen streng getrennt von den schwarzen Familien auf. Es gab auch diese Propaganda, dass die Schwarzen eigentlich eine ganz andere Spezies an Menschen waren. Man darf nicht das selbe Wasser wie sie trinken, die selben Toiletten benutzen, oder in den gleichen öffentlichen Plätzen sein. Meine Familie kommt aus der armen Arbeiterschicht und hatte eigentlich auch nicht viel mehr als ihre schwarzen Nachbarn, die nebenan in den Sümpfen wohnten, wo es nicht mal Sanitäranlagen und fließend Wasser gab – und das war in den 50er Jahren. Als mein Vater etwa 9 Jahre alt war, fuhr er mit dem Schulbus auf der Straße, die die beiden Gemeinden trennte, und eines der älteren Kinder spuckte aus dem fahrenden Bus einem schwarzen Mann, der gerade auf dem Weg in die Felder war, ins Gesicht. Der Busfahrer war ebenfalls aus der weißen, armen working-class und höchstwahrscheinlich Analphabet und mein Vater kannte ihn. Er stoppte den Bus und schrie das Kind an zu dem Mann zu gehen und ihm das Gesicht mit seinem Taschentuch abzuwischen, sonst würde er nicht weiterfahren. Er hat einfach die Beherrschung verloren. Das war aber alles noch vor der Bürgerrechtsbewegung und all dem. Aber mein Vater hat das gesehen und Jahre später, nachdem es die Bürgerrechtsbewegung und all das gab, hat er kapiert, dass wir niemanden aus dem Norden brauchten, der uns diese Dinge erklärte, sondern dass diese Instinkte von Gerechtigkeit und Menschenrechten in jedem von uns, sogar in den Ungebildeten von uns vorhanden waren. Der Hunger nach Gerechtigkeit war schon immer in uns und wartete nur darauf herauszukommen. Darum geht’s in Summerpunks. Es ist einfach eine dieser Familiengeschichten, die sehr wichtig für mich sind.

Du hast immer sehr interessante Familiengeschichten zu erzählen. Auf Dead FM hast du in „Sedition“ die Geschichte deines Großvaters erzählt, der am Manhattan Projekt mitgearbeitet hat. Was glaubst du woher kommt es, dass du so eine ereignisreiche Familiengeschichte hast?

Ich glaube es ist so: Wir haben alle diese Geschichten in unserer Vergangenheit. Man muss nur wissen, dass sie etwas bedeuten und dass sie wichtig sind. Und vor allem, dass sie revolutionäre Bedeutung haben. Diese Geschichten sind ein Teil von unserer Vergangenheit und machen einen Teil davon aus, wer wir sind, wo wir herkommen und sie sind Teil unserer moralischen Entwicklung. Jeder hat schlimme, und negative Erinnerungen in seiner Familiengeschichte, aber man muss diese positiven Geschichten und Erinnerungen in Ehren halten und weitererzählen.

Im Song „First Will And Testament“ singst du über eine/n tote/n Freund/in. Wer war er/sie?

Er war Travis Conner. Travis war unser Fahrer und bester Freund. Mit ihm sind wir mehrere Male durch Kanada und die USA getourt. Er war außerdem der beste Freund von Tim Barry, dem Sänger von Avail, der heute Folk macht. Travis kämpfte zeit seines Lebens mit Depressionen und nahm sich vor zwei Jahren das Leben. Er wird von uns sehr vermisst. Er war ein großartiger Mensch und Künstler und eine ganz besondere Person in unserem Leben. Durch diesen Song versuchen wir den Verlust zu verarbeiten. Da wir alle keine Christen sind, versuchen wir unseren verstorbenen Freunden durch diese Songs in unserer Underground Kultur ein Denkmal zu setzen und die Erinnerung am Leben zu erhalten. Ich habe auch spirituelle Gefühle und denke, dass ein Teil von ihm in uns weiterlebt. Diese Erinnerung an ihn macht uns stärker und darum geht’s in dem Song.

Du hast vor dem Interview erzählt, dass du wieder in Virginia wohnst. Warum bist du zurückgezogen?

Meine Frau hat einen Job bei PETA bekommen und da PETA in Norfolk Virginia ansässig ist, sind wir dorthin gezogen. Davor haben wir in Portland und in LA gewohnt, bis die Rezession dort alle arbeitslos gemacht hat. Ich denke wir sind einfach Arbeiter, die ihrem Job hinterher wandern müssen. Aber es ist für uns sehr wichtig wieder in Virginia zu sein. Weißt du, es ist so, dass wir viel unterwegs sind. Aber wenn wir heimkommen, realisieren wir erst wieder wie sehr uns diese südlichen Städte, die Szene dort und die Leute die engagiert sind dem ganzen, was wir mit der Band machen erst die notwendige Substanz geben. Wir wären wahrscheinlich komplett andere Menschen, wenn wir nicht in diesen Städten aufgewachsen wären. Wir werden definitiv von den Leuten zu Hause beeinflusst, die Tag für Tag in der Szene und in ihren Projekten das verwirklichen von dem wir in unseren Songs singen.

Es ist einfach erfrischend, dass es immer noch Bands gibt, die kein Bisschen von ihren Idealen abweichen wollen und stets für Überzeugungen eintreten. Ich finde, dass es heutzutage mehr Bands von diesem Schlag geben sollte, aber das ist wahrlich ein anderes Thema!

Das Konzert war ebenfalls wieder sehr empfehlenswert. Die Jungs sind live einfach echt der Hammer! Ansonsten bleibt nicht viel zu sagen. Holt euch die neue Strike Anywhere Platte, die lohnt sich wirklich!

Martin

 

Christoph Lampert – We Call It Punk

(Hardcover, Ox-Verlag, 178 Seiten, 29,80 Euro)

Boah ey, was für ein unglaublich geiles Buch ist das den eigentlich? Ganz großes Lob an den Szene-Fotografen Christoph Lambert, der irgendwann in den 80er Jahren mal angefangen seine Konzert-Besuche auf Fotos festzuhalten. Letztendlich dabei herausgekommen ist das Buch „We Call It Punk – When Energy Meets Attitude“. Präsentiert werden Live-Fotos von 77 Bands zwischen den Jahren 1989 und 2008. Das besondere daran ist, dass alle Bands oder zumindest eines der Bandmitglieder jeweils einen Kommentar zu den Fotos geschrieben hat. Das sind dann nicht nur schlichte und verwässerte Erinnerungen von alten Männern (und wenigen alten Frauen), sondern tiefe Einblicke in die damalige Zeit und die alten Punkrock- und Hardcore-Ideale, die es heutzutage leider oftmals nur noch bis zur Schaufensterauslage bei H&M schaffen. Die beigefügten Erzählungen sind oft sehr persönlich und bewegend, wobei die Texte und Fotos oftmals regelrecht zu kommunizieren scheinen. Beim Betrachten und Lesen kann man dabei so richtig schön in alten Erinnerungen schweifen. Und dabei ist es gar nicht mal so wichtig, dass man tatsächlich bei einem der abfotografierten Konzerte dabei war (wie unwahrscheinlich ist das denn überhaupt?), die Band überhaupt mal live gesehen hat oder sie zumindest kennt. Nein, das richtig Geile an dem Buch ist, dass es durch die leibhaftigen Fotografien so dermaßen lebt, dass es einfach scheißegal ist. Denn wenn man sich einmal mit dem Punk-Virus infiziert hat, dann kann man aus den Bildern so richtig schön lesen, sich in sie hinein versetzen und den Spirit, der dadurch vermittelt wird, am eigenen Leib spüren. Gänsehaut im Quadrat ist angesagt. Unweigerlich kommt man ins Schwelgen alter Erinnerungen, was wie gesagt nicht konkret mit den hier zu sehenden Bands zu tun haben muss, sondern einfach an den Impressionen und unvergesslichen Momenten, die jetzt verdammt noch mal nur ein Punk- oder Hardcore-Konzert in den heruntergekommensten Läden der Republik, liegt. Jeder von uns kennt das Gefühl, auf einem Konzert zu sein und zu spüren wie dieser eine ganz bestimmte und kurze Moment einer mehr oder weniger großen Masse an Leuten für immer im Gedächtnis bleiben wird. Das verbindet, auch wenn der Typ der gerade zufällig neben Dir steht, ein riesengroßes Arschloch ist, dem Du außerdem in Deinem Leben kein zweites Mal begegnen wirst. Aber dieser eine Moment… Meine Güte! Mehr davon! Christoph Lampert ist es in seiner langen Laufbahn als DIY-Konzert-Fotograf gelungen, ganz viele von diesen Momenten einzufangen. Schon allein dafür lohnt sich die Anschaffung dieses Buches. Denn es ist die Basis und die Erinnerungsstütze, die wir in etlichen Jahren mal vor den verrotzten Enkeln auf dem Schoß liegen haben, wenn wir ihnen von der guten alten Zeit erzählen. „Wow,“ werden die Enkel sagen, „war das wirklich so geil damals?“ Und im Brustton der Überzeugung werden wir antworten: „Ja, so geil war das damals! Aber eigentlich war das noch viel geiler, weil Ihr seht ja jetzt nur die Bilder, aber ich war wirklich dabei! Es war zwar auch damals nicht alles Gold was glänzte, aber wenn man es sich recht überlegt, war es schon ein gutes Gefühl dabei gewesen zu sein.“ Und die Enkel sagen dann „Scheiße“ und bringen sich heimlich um. Weil sie nicht dabei gewesen sind. Aber da können wir ja auch nichts dafür. Kurz gesagt: Bilder, in die man eintauchen und sich in Details verlieren kann. Bilder, die vor Energie und Attitude geradezu sprühen. Ganz so wie es der Untertitel vermittelt. Die beigesteuerten Texte der Bands sind so ein bisschen Querbeet. Mal nehmen sie Bezug auf genau dieses Konzert. Mal sind sie allgemeiner gehalten. Mal sind sie Anekdote, mal Tralala. Mal länger, mal kürzer. Größtenteils auf Englisch, ganz selten auf Deutsch. Und als ob das alles nicht genug wäre, erscheint das Buch in Hochglanz und größer als DIN A 4. Also echt schick! Die Fotos sind schwarzweiß und in Farbe, analog und digital. Auch hier spiegelt sich die persönliche Entwicklung des Fotografen wider. Ach, ich bin ganz hin und weg. Und jetzt für alle Vollpfosten, die das Buch immer noch nicht unbedingt kaufen wollen, ein kleiner Auszug von den gefeatureten Bands: Spermbirds (bei denen es der Zufall will, dass sie auf einem Konzert fotografiert wurden, von dem ich auf dem Hafenstraßen-Sampler „10 Meter ohne Kopf“ ein Lied in meiner Plattensammlung habe – so schließt sich der Kreis), Gorilla Biscuits, EA 80, Bad Religion, Boxhamsters, Life But How To Live It, Gogol Bordello, Chumbawamba, Mighty Mighty Bosstones, Rich Kids On LSD, Nirvana, Samiam, Turbostaat, Walter Elf, Youth Of Today und und und. Zu allem Überfluss gibt’s dann auch noch eine mintfarbene, transparente 7“ mit Live-Songs von vier vertretenen Bands. Meine Güte, was will man eigentlich mehr? Unbedingte und uneingeschränkte Kaufempfehlung. Wer das Buch nicht hat, hat sein Leben verwirkt! Ich hol mir jetzt einen runter!!!   Obnoxious

Jeff Turner – Cockney Reject – Fußball, Oi! Und Krawalle

(Taschenbuch, Iron Pages, 248 Seiten, 19,90 Euro)
Jeff Turner, der Sänger von den Cockney Rejects, zieht vom Leder. Vom eigenen Leder. Er, der als Jeff Geggus geboren wurde und sich irgendwann den Namen Stinky Turner gab, veröffentlicht hier unter dem Hybrid-Namen Jeff Turner seine Autobiographie. Und irgendwie hat man auch den Eindruck, dass es sich um so eine Art Befreiungsschlag handelt, sozusagen um mit sich selbst mal ins Reine zu kommen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Jedenfalls fasst Stinky Jeff Geggus Turner auf knapp 250 Seiten sein bisheriges Leben zusammen. Angefangen bei seinen griechischen Vorfahren, seiner Kindheit und Jugend im Ost-Londoner Stadtteil Custom House, wo umringt von Klein-, Mittel- und Großkriminellen noch das Gesetz der Straße gilt. Wir erfahren einiges über seine kurze Karriere als viel versprechender Nachwuchs-Boxer und über seine Punk-Sozialisation. Und wir erfahren ganz viel über den Aufstieg und Fall seiner Band Cockney Rejects, über die Hooligans von damals und ganz besonders über die berüchtigte Inter City Firm (West Ham-Hooligans), deren Mitglieder einen ansehnlichen Teil des Rejects-Gefolges ausmachte und der Band damit eine ziemliche Schlagkraft verlieh. Jeff Turner lässt in seinen Erinnerungen recht tief blicken und nimmt kein Blatt vor den Mund. Bei allem schmückenden Beiwerk liegt aber das Hauptaugenmerk natürlich bei den Cockney Rejects. Die Rejects brauchten kaum eine Handvoll Konzerte und ein lausiges Demo, um das Bridge House, das Mekka der aufkommenden Oi!-Szene, hinter sich zu haben und die Bosse der Majorlabels mit den dicken Verträgen Schlange stehen zu sehen. Jeff Turner war damals gerade mal 14, 15 Jahre alt und hatte noch kein Haar am Sack. Sie benahmen sich in den Studios wie die Vandalen, machten alles kaputt und stahlen wie die Raben. Außerdem gab es jede Menge Hauereien und Jeff Turner bezeichnet die Monate März bis Mai 1980 als die beste Zeit seines Lebens. Die Band war in den Charts und freute sich auf eine großartige Karriere und West Ham war ballsportlich ziemlich erfolgreich. Aber irgendwie kam es ganz schnell anders und die Rejects standen sich dabei meist selbst auch meterbreit im Weg. Außerdem brachte das West Ham-Geseiere und die Nähe zur ICF außerhalb des East Ends eher Unannehmlichkeiten mit sich. Massenschlägereien zwischen Band plus mitreisender Gefolgschaft und einheimischem Publikum waren auf Tour an der Tagesordnung. Die Hoffnung war irgendwann den Durchbruch zu schaffen und auch in den USA an die große Kohle zu kommen. Sie waren sich dazu auch nicht zu schade dem guten alten Punkrock unvermittelt Adieu zu sagen und in Sachen Hard Rock versuchte man die Schäfchen ins trockene zu bringen. Nicht nur das war ein Schuss in den Ofen. Alte Fans wurden vergrault, neue nicht gefunden. Die Band war auf dem Holzweg und Jeff musste irgendwann von Sozialhilfe leben. Er zog sich zurück und kiffte bis zum Umfallen. Trotzdem schafften sie es irgendwie nach Amerika – der Traum entpuppte sich allerdings als Albtraum. Und damit waren die Rejects auch erstmal am Arsch. Seit ein paar Jahren touren die Jungs wieder – nur so zum Spaß angeblich und um auf großen Festivals auf der ganzen Welt die Kohle zu scheffeln. Das gibt Jeff Turner gerne zu, dass er das genießt. Ausschlaggebend für das erneute Interesse an der Band war übrigens ein Song der Band, den Levi’s in einem Werbespot verwendete. Was soll man davon halten? Zum Schluss blickt Jeff Turner noch mal auf das musikalische Schaffen der Band zurück und vergleicht die Rejects mit Bands, die zu einem späteren Zeitpunkt unter scheinbar besseren Voraussetzungen Erfolg hatten. Was bleibt? Jeff Turner entpuppt sich nicht gerade als der sympathische Typ mit dem man gerne mal acht Bier saufen möchte. Teilweise hat er schon ziemlich fragwürdige Vorstellungen. Er ist ein unpolitischer Arsch, dessen erstes Tattoo ein Union Jack war, der den Faschos und den Linken gleichermaßen die Fresse polieren möchte und er ist homophob bis zum Anschlag. Aber er ist authentisch. Er ist, was er ist. Und er schreibt auch so. Unvermittelt und frei von der Leber weg. Man muss diesen Scheiß-Typ nicht mögen, aber das Buch ist auf jeden Fall lesenswert, denn es gibt einen feinen und ungeschönten Einblick in die zerrissene Jugend eines Punkrockers Anfang der 80er Jahre in England. Schonungslos und mit offenem Messer in der Tasche.   Obnoxious

Dirk Bernemann – Ich bin schizophren und es geht mir allen gut

(Taschenbuch, U Books, 222 Seiten, 9,95 Euro)

Dirk Bernemann mal anders. Während er in seinen ersten Büchern, die hier von mir besprochen wurden, mit einem Panoptikum von Gewalt und Blutorgien geglänzt hat, geht es diesmal relativ „friedlich“ zu. Was aber nicht heißt, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, denn Bernemann lotet in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ psychische Untiefen aus. Seine eigenen (daher der Titel) und die von irgendwelchen anderen schrägen Leuten. Wenn es um ihn selbst geht, wird ganz deutlich, dass sich Bernemann nicht gerne in eine Schublade stecken lassen will – was ja auch gar nicht geht –, denn er ist vielseitig. Oder auch schizophren. So wie wir alle. Seine Kurzgeschichten sind Bestandsaufnahmen aus vielen verschiedenen Leben und Teilpersönlichkeiten. Heute geht’s mir so und morgen geht’s mir so. Heute bin ich König und morgen bin ich Arschloch. Das Buch ist so eine Art Selbst-Psychoanalyse, in dem Bernemann eigene Grenzen sucht, findet und überschreitet. Er findet die Gesellschaft scheiße, weiß aber nichts daran ändern zu können. Er hat Selbstzweifel und ist mit sich selbst unzufrieden. Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit kotzen ihn aber auch an. In einer Mischung aus Realität und Fiktion wirft Bernemann einen Blick auf das Leben. Sein Leben. Das Leben in Zwängen, die man sprengen will, aber nicht weiß wie und sich auch nicht traut, das zu tun. Oder zumindest knapp aber deutlich daran vorbei schrammt. Aus Bequemlichkeit kein Aufbegehren. Keine Hoffnung auf Besserung. In einer Gesellschaft, in der Individualität nicht erwünscht ist. Klingt erstmal düster, aber Bernemann beschreibt das alles mit einem Wortwitz für den man ihn küssen möchte. Nebenher bietet das Buch auch noch Bernemanns Bestandsaufnahme seines bisherigen Schaffens. Einen kryptischen Lyrik-Teil, der mich langweilt – ihn vielleicht inzwischen auch –, aber der bei so einer Zwischenabrechnung auch nicht fehlen sollte – wenn man so was wie Lyrik mal verbrochen hat. Er sucht in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ eben nach seinen literarischen Wurzeln. Das macht das Buch sehr persönlich und eröffnet ungeahnte Innenansichten in den Menschen Bernemann. Fast schon einen Seelenstriptease hält man hier in den Händen. Besonders witzig find ich die kurzweiligen Anekdoten von seinen Lesereisen. Da ergeben sich doch einige tiefe Einblicke in das geschundene Leben eines Schriftstellers. Dabei lässt er kaum ein gutes Wort an den Kreaturen, die ihm auf seinen Reisen durch Deutschland so begegnen. Obwohl: Das stimmt eigentlich so auch nicht. Dann und wann gibt es schon mal positive Worte über Menschen, die ihm über den Weg laufen. Aber mal ganz abgesehen davon liefert Bernemann mit seinen Short Storys mal wieder Unterhaltung bester Kajüte. Aufgepeppt mit ein paar passenden Fotos. Sogar die Worte „Punk“, „Punker“ und „Punkrock“ kommen in den Texten dann und wann einmal vor. Meistens lässt Bernemann aber kein gutes Haar daran. Daran sollte der potentielle Leser sich aber nicht abschrecken lassen, denn eigentlich lässt er an nichts ein gutes Haar. Was gestandenen Nietenjackenträgern anfangs vielleicht etwas aufstoßen könnte, sollte auch als Chance gesehen werden, ab und zu mal ein bisschen selbstreflexiv in den Spiegel zu schauen, denn das hat noch niemandem geschadet. Kurzum: „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ ist mit seinen vortrefflichen Kurzgeschichten eine willkommene Scheißhauslektüre, die man sich für relativ wenig Geld gerne mal anschaffen tun machen sollte. Mittelfinger hoch!   Obnoxious

Axel Klingenberg & Andreas Reiffer (Hrsg.) – The Punchliner #6

(Taschenbuch, Verlag Andreas Reiffer, 124 Seiten, 10 Euro)

Ausgabe 6 ist der erste Punchliner, den ich in den Händen und vor den Augen halte. Und zu Gemüte führe. Ich hoffe, es ist nicht der letzte. Das Sammelsurium für „Literatur, Satire und Slam Poetry“ ist eine Goldgrube, wenn es um die Herbeischaffung abwegigen Schriftentums geht. Viele der Autoren dürften von eben solchen Slam Poetrys und Lesebühnen bekannt sein. Und so ist es auch keine Überraschung, dass sich in dem kleinen Sammelband viele Kurzgeschichten die Klinke in die Hand geben. Ausfälle gibt es dabei keine. Das Buch ist durchweg durch seinen großen Unterhaltungswert gekennzeichnet. Aber wenn es schon keine Ausfälle gibt, so gibt es doch viele richtig geniale und sehr unterhaltsame Schenkelklopfer zu entdecken. Neben den üblichen Protagonisten gibt es einige (zumindest für mich) unbekannte Namen, die man sich unbedingt merken und aus deren Feder man getrost mehr lesen sollte. Gemäß dem kleinen Wörtchen „Satire“ im Untertitel gibt es einiges zu lachen. Besonders hervorgetan haben sich für mich in chronologischer Reihenfolge (denn ich lese Bücher ja bevorzugt von vorne nach hinten): Stefan Damm mit seiner umwerfenden Wiedergabe eines Telefonats mit einer Dame von einem Meinungsforschungsinstitut, Johannes Weigel, der über die lemminghafte Ergebenheit von Menschenmassen am Beispiel einer Fußgängerampel berichtet, Nico Walser mit seinem „Busen-Wunder“, Tobias Kunze mit seinem wegweisenden Text über den Umgang mit religiösen Fanatikern, und ganz besonders Björn Högsdal mit seinen beiden Kurzgeschichten über die ungerechte globale Verteilung von Ressourcen und sein „Heimatland“ Norwegen. Sacha Brohm ist mit seinem Skript für ein experimentelles Theaterstück und seiner Auflistung nicht ganz so erfolgreicher Titanic-Sequals auch nicht zu verachten. Das sind so meine persönlichen Highlights im aktuellen, aber jährlich erscheinenden Punchliner. Des weiteren haben mit ihren Texten eine uneingeschränkte Belobigung verdient: Max Lüthke, Uli Hannemann, Wiebke Saathoff, Bdolf, Henning Chadde (der sich über die traurigen Nebenerscheinungen des Älterwerdens auslässt – für mich uneingeschränkt nachvollziehbar) und MarcD., welcher auf keinen Fall so aussehen möchte wie der Penis von John Wayne Bobbit. Und abgesehen davon gibt’s noch eine ganze Latte weiteren Materials, das dem in nichts nachsteht. Beispielsweise feiert Punkrock!-Fanzine-Kollege Jan Off nach jahrelanger Treue seinen Abschied vom Punchliner. Nicht ohne zu vergessen, auf die hier vorliegende Broschüre zu verweisen. Das alles ist hier nur ein fauliges Namedropping, mit dem verfluchten Hinweis, dass man sich den Punchliner unbedingt besorgen muss, wenn man gottverdammtnochmal endlich mal wieder was zu lachen haben will ohne in den Keller gehen zu müssen. Das Wort „Punk“ kommt in einigen Texten auch mal vor, wird aber meist nicht gut behandelt. Aber da stehen wir drüber. Kauft Euch den Scheiß. Es gibt hundert Millionen Arten 10 Euro beschissener anzulegen. Also her damit!   Obnoxious

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