Christoph Lampert – We Call It Punk

(Hardcover, Ox-Verlag, 178 Seiten, 29,80 Euro)

Boah ey, was für ein unglaublich geiles Buch ist das den eigentlich? Ganz großes Lob an den Szene-Fotografen Christoph Lambert, der irgendwann in den 80er Jahren mal angefangen seine Konzert-Besuche auf Fotos festzuhalten. Letztendlich dabei herausgekommen ist das Buch „We Call It Punk – When Energy Meets Attitude“. Präsentiert werden Live-Fotos von 77 Bands zwischen den Jahren 1989 und 2008. Das besondere daran ist, dass alle Bands oder zumindest eines der Bandmitglieder jeweils einen Kommentar zu den Fotos geschrieben hat. Das sind dann nicht nur schlichte und verwässerte Erinnerungen von alten Männern (und wenigen alten Frauen), sondern tiefe Einblicke in die damalige Zeit und die alten Punkrock- und Hardcore-Ideale, die es heutzutage leider oftmals nur noch bis zur Schaufensterauslage bei H&M schaffen. Die beigefügten Erzählungen sind oft sehr persönlich und bewegend, wobei die Texte und Fotos oftmals regelrecht zu kommunizieren scheinen. Beim Betrachten und Lesen kann man dabei so richtig schön in alten Erinnerungen schweifen. Und dabei ist es gar nicht mal so wichtig, dass man tatsächlich bei einem der abfotografierten Konzerte dabei war (wie unwahrscheinlich ist das denn überhaupt?), die Band überhaupt mal live gesehen hat oder sie zumindest kennt. Nein, das richtig Geile an dem Buch ist, dass es durch die leibhaftigen Fotografien so dermaßen lebt, dass es einfach scheißegal ist. Denn wenn man sich einmal mit dem Punk-Virus infiziert hat, dann kann man aus den Bildern so richtig schön lesen, sich in sie hinein versetzen und den Spirit, der dadurch vermittelt wird, am eigenen Leib spüren. Gänsehaut im Quadrat ist angesagt. Unweigerlich kommt man ins Schwelgen alter Erinnerungen, was wie gesagt nicht konkret mit den hier zu sehenden Bands zu tun haben muss, sondern einfach an den Impressionen und unvergesslichen Momenten, die jetzt verdammt noch mal nur ein Punk- oder Hardcore-Konzert in den heruntergekommensten Läden der Republik, liegt. Jeder von uns kennt das Gefühl, auf einem Konzert zu sein und zu spüren wie dieser eine ganz bestimmte und kurze Moment einer mehr oder weniger großen Masse an Leuten für immer im Gedächtnis bleiben wird. Das verbindet, auch wenn der Typ der gerade zufällig neben Dir steht, ein riesengroßes Arschloch ist, dem Du außerdem in Deinem Leben kein zweites Mal begegnen wirst. Aber dieser eine Moment… Meine Güte! Mehr davon! Christoph Lampert ist es in seiner langen Laufbahn als DIY-Konzert-Fotograf gelungen, ganz viele von diesen Momenten einzufangen. Schon allein dafür lohnt sich die Anschaffung dieses Buches. Denn es ist die Basis und die Erinnerungsstütze, die wir in etlichen Jahren mal vor den verrotzten Enkeln auf dem Schoß liegen haben, wenn wir ihnen von der guten alten Zeit erzählen. „Wow,“ werden die Enkel sagen, „war das wirklich so geil damals?“ Und im Brustton der Überzeugung werden wir antworten: „Ja, so geil war das damals! Aber eigentlich war das noch viel geiler, weil Ihr seht ja jetzt nur die Bilder, aber ich war wirklich dabei! Es war zwar auch damals nicht alles Gold was glänzte, aber wenn man es sich recht überlegt, war es schon ein gutes Gefühl dabei gewesen zu sein.“ Und die Enkel sagen dann „Scheiße“ und bringen sich heimlich um. Weil sie nicht dabei gewesen sind. Aber da können wir ja auch nichts dafür. Kurz gesagt: Bilder, in die man eintauchen und sich in Details verlieren kann. Bilder, die vor Energie und Attitude geradezu sprühen. Ganz so wie es der Untertitel vermittelt. Die beigesteuerten Texte der Bands sind so ein bisschen Querbeet. Mal nehmen sie Bezug auf genau dieses Konzert. Mal sind sie allgemeiner gehalten. Mal sind sie Anekdote, mal Tralala. Mal länger, mal kürzer. Größtenteils auf Englisch, ganz selten auf Deutsch. Und als ob das alles nicht genug wäre, erscheint das Buch in Hochglanz und größer als DIN A 4. Also echt schick! Die Fotos sind schwarzweiß und in Farbe, analog und digital. Auch hier spiegelt sich die persönliche Entwicklung des Fotografen wider. Ach, ich bin ganz hin und weg. Und jetzt für alle Vollpfosten, die das Buch immer noch nicht unbedingt kaufen wollen, ein kleiner Auszug von den gefeatureten Bands: Spermbirds (bei denen es der Zufall will, dass sie auf einem Konzert fotografiert wurden, von dem ich auf dem Hafenstraßen-Sampler „10 Meter ohne Kopf“ ein Lied in meiner Plattensammlung habe – so schließt sich der Kreis), Gorilla Biscuits, EA 80, Bad Religion, Boxhamsters, Life But How To Live It, Gogol Bordello, Chumbawamba, Mighty Mighty Bosstones, Rich Kids On LSD, Nirvana, Samiam, Turbostaat, Walter Elf, Youth Of Today und und und. Zu allem Überfluss gibt’s dann auch noch eine mintfarbene, transparente 7“ mit Live-Songs von vier vertretenen Bands. Meine Güte, was will man eigentlich mehr? Unbedingte und uneingeschränkte Kaufempfehlung. Wer das Buch nicht hat, hat sein Leben verwirkt! Ich hol mir jetzt einen runter!!!   Obnoxious

Jeff Turner – Cockney Reject – Fußball, Oi! Und Krawalle

(Taschenbuch, Iron Pages, 248 Seiten, 19,90 Euro)
Jeff Turner, der Sänger von den Cockney Rejects, zieht vom Leder. Vom eigenen Leder. Er, der als Jeff Geggus geboren wurde und sich irgendwann den Namen Stinky Turner gab, veröffentlicht hier unter dem Hybrid-Namen Jeff Turner seine Autobiographie. Und irgendwie hat man auch den Eindruck, dass es sich um so eine Art Befreiungsschlag handelt, sozusagen um mit sich selbst mal ins Reine zu kommen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Jedenfalls fasst Stinky Jeff Geggus Turner auf knapp 250 Seiten sein bisheriges Leben zusammen. Angefangen bei seinen griechischen Vorfahren, seiner Kindheit und Jugend im Ost-Londoner Stadtteil Custom House, wo umringt von Klein-, Mittel- und Großkriminellen noch das Gesetz der Straße gilt. Wir erfahren einiges über seine kurze Karriere als viel versprechender Nachwuchs-Boxer und über seine Punk-Sozialisation. Und wir erfahren ganz viel über den Aufstieg und Fall seiner Band Cockney Rejects, über die Hooligans von damals und ganz besonders über die berüchtigte Inter City Firm (West Ham-Hooligans), deren Mitglieder einen ansehnlichen Teil des Rejects-Gefolges ausmachte und der Band damit eine ziemliche Schlagkraft verlieh. Jeff Turner lässt in seinen Erinnerungen recht tief blicken und nimmt kein Blatt vor den Mund. Bei allem schmückenden Beiwerk liegt aber das Hauptaugenmerk natürlich bei den Cockney Rejects. Die Rejects brauchten kaum eine Handvoll Konzerte und ein lausiges Demo, um das Bridge House, das Mekka der aufkommenden Oi!-Szene, hinter sich zu haben und die Bosse der Majorlabels mit den dicken Verträgen Schlange stehen zu sehen. Jeff Turner war damals gerade mal 14, 15 Jahre alt und hatte noch kein Haar am Sack. Sie benahmen sich in den Studios wie die Vandalen, machten alles kaputt und stahlen wie die Raben. Außerdem gab es jede Menge Hauereien und Jeff Turner bezeichnet die Monate März bis Mai 1980 als die beste Zeit seines Lebens. Die Band war in den Charts und freute sich auf eine großartige Karriere und West Ham war ballsportlich ziemlich erfolgreich. Aber irgendwie kam es ganz schnell anders und die Rejects standen sich dabei meist selbst auch meterbreit im Weg. Außerdem brachte das West Ham-Geseiere und die Nähe zur ICF außerhalb des East Ends eher Unannehmlichkeiten mit sich. Massenschlägereien zwischen Band plus mitreisender Gefolgschaft und einheimischem Publikum waren auf Tour an der Tagesordnung. Die Hoffnung war irgendwann den Durchbruch zu schaffen und auch in den USA an die große Kohle zu kommen. Sie waren sich dazu auch nicht zu schade dem guten alten Punkrock unvermittelt Adieu zu sagen und in Sachen Hard Rock versuchte man die Schäfchen ins trockene zu bringen. Nicht nur das war ein Schuss in den Ofen. Alte Fans wurden vergrault, neue nicht gefunden. Die Band war auf dem Holzweg und Jeff musste irgendwann von Sozialhilfe leben. Er zog sich zurück und kiffte bis zum Umfallen. Trotzdem schafften sie es irgendwie nach Amerika – der Traum entpuppte sich allerdings als Albtraum. Und damit waren die Rejects auch erstmal am Arsch. Seit ein paar Jahren touren die Jungs wieder – nur so zum Spaß angeblich und um auf großen Festivals auf der ganzen Welt die Kohle zu scheffeln. Das gibt Jeff Turner gerne zu, dass er das genießt. Ausschlaggebend für das erneute Interesse an der Band war übrigens ein Song der Band, den Levi’s in einem Werbespot verwendete. Was soll man davon halten? Zum Schluss blickt Jeff Turner noch mal auf das musikalische Schaffen der Band zurück und vergleicht die Rejects mit Bands, die zu einem späteren Zeitpunkt unter scheinbar besseren Voraussetzungen Erfolg hatten. Was bleibt? Jeff Turner entpuppt sich nicht gerade als der sympathische Typ mit dem man gerne mal acht Bier saufen möchte. Teilweise hat er schon ziemlich fragwürdige Vorstellungen. Er ist ein unpolitischer Arsch, dessen erstes Tattoo ein Union Jack war, der den Faschos und den Linken gleichermaßen die Fresse polieren möchte und er ist homophob bis zum Anschlag. Aber er ist authentisch. Er ist, was er ist. Und er schreibt auch so. Unvermittelt und frei von der Leber weg. Man muss diesen Scheiß-Typ nicht mögen, aber das Buch ist auf jeden Fall lesenswert, denn es gibt einen feinen und ungeschönten Einblick in die zerrissene Jugend eines Punkrockers Anfang der 80er Jahre in England. Schonungslos und mit offenem Messer in der Tasche.   Obnoxious

Dirk Bernemann – Ich bin schizophren und es geht mir allen gut

(Taschenbuch, U Books, 222 Seiten, 9,95 Euro)

Dirk Bernemann mal anders. Während er in seinen ersten Büchern, die hier von mir besprochen wurden, mit einem Panoptikum von Gewalt und Blutorgien geglänzt hat, geht es diesmal relativ „friedlich“ zu. Was aber nicht heißt, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, denn Bernemann lotet in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ psychische Untiefen aus. Seine eigenen (daher der Titel) und die von irgendwelchen anderen schrägen Leuten. Wenn es um ihn selbst geht, wird ganz deutlich, dass sich Bernemann nicht gerne in eine Schublade stecken lassen will – was ja auch gar nicht geht –, denn er ist vielseitig. Oder auch schizophren. So wie wir alle. Seine Kurzgeschichten sind Bestandsaufnahmen aus vielen verschiedenen Leben und Teilpersönlichkeiten. Heute geht’s mir so und morgen geht’s mir so. Heute bin ich König und morgen bin ich Arschloch. Das Buch ist so eine Art Selbst-Psychoanalyse, in dem Bernemann eigene Grenzen sucht, findet und überschreitet. Er findet die Gesellschaft scheiße, weiß aber nichts daran ändern zu können. Er hat Selbstzweifel und ist mit sich selbst unzufrieden. Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit kotzen ihn aber auch an. In einer Mischung aus Realität und Fiktion wirft Bernemann einen Blick auf das Leben. Sein Leben. Das Leben in Zwängen, die man sprengen will, aber nicht weiß wie und sich auch nicht traut, das zu tun. Oder zumindest knapp aber deutlich daran vorbei schrammt. Aus Bequemlichkeit kein Aufbegehren. Keine Hoffnung auf Besserung. In einer Gesellschaft, in der Individualität nicht erwünscht ist. Klingt erstmal düster, aber Bernemann beschreibt das alles mit einem Wortwitz für den man ihn küssen möchte. Nebenher bietet das Buch auch noch Bernemanns Bestandsaufnahme seines bisherigen Schaffens. Einen kryptischen Lyrik-Teil, der mich langweilt – ihn vielleicht inzwischen auch –, aber der bei so einer Zwischenabrechnung auch nicht fehlen sollte – wenn man so was wie Lyrik mal verbrochen hat. Er sucht in „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ eben nach seinen literarischen Wurzeln. Das macht das Buch sehr persönlich und eröffnet ungeahnte Innenansichten in den Menschen Bernemann. Fast schon einen Seelenstriptease hält man hier in den Händen. Besonders witzig find ich die kurzweiligen Anekdoten von seinen Lesereisen. Da ergeben sich doch einige tiefe Einblicke in das geschundene Leben eines Schriftstellers. Dabei lässt er kaum ein gutes Wort an den Kreaturen, die ihm auf seinen Reisen durch Deutschland so begegnen. Obwohl: Das stimmt eigentlich so auch nicht. Dann und wann gibt es schon mal positive Worte über Menschen, die ihm über den Weg laufen. Aber mal ganz abgesehen davon liefert Bernemann mit seinen Short Storys mal wieder Unterhaltung bester Kajüte. Aufgepeppt mit ein paar passenden Fotos. Sogar die Worte „Punk“, „Punker“ und „Punkrock“ kommen in den Texten dann und wann einmal vor. Meistens lässt Bernemann aber kein gutes Haar daran. Daran sollte der potentielle Leser sich aber nicht abschrecken lassen, denn eigentlich lässt er an nichts ein gutes Haar. Was gestandenen Nietenjackenträgern anfangs vielleicht etwas aufstoßen könnte, sollte auch als Chance gesehen werden, ab und zu mal ein bisschen selbstreflexiv in den Spiegel zu schauen, denn das hat noch niemandem geschadet. Kurzum: „Ich bin schizophren und es geht mir allen gut“ ist mit seinen vortrefflichen Kurzgeschichten eine willkommene Scheißhauslektüre, die man sich für relativ wenig Geld gerne mal anschaffen tun machen sollte. Mittelfinger hoch!   Obnoxious

Axel Klingenberg & Andreas Reiffer (Hrsg.) – The Punchliner #6

(Taschenbuch, Verlag Andreas Reiffer, 124 Seiten, 10 Euro)

Ausgabe 6 ist der erste Punchliner, den ich in den Händen und vor den Augen halte. Und zu Gemüte führe. Ich hoffe, es ist nicht der letzte. Das Sammelsurium für „Literatur, Satire und Slam Poetry“ ist eine Goldgrube, wenn es um die Herbeischaffung abwegigen Schriftentums geht. Viele der Autoren dürften von eben solchen Slam Poetrys und Lesebühnen bekannt sein. Und so ist es auch keine Überraschung, dass sich in dem kleinen Sammelband viele Kurzgeschichten die Klinke in die Hand geben. Ausfälle gibt es dabei keine. Das Buch ist durchweg durch seinen großen Unterhaltungswert gekennzeichnet. Aber wenn es schon keine Ausfälle gibt, so gibt es doch viele richtig geniale und sehr unterhaltsame Schenkelklopfer zu entdecken. Neben den üblichen Protagonisten gibt es einige (zumindest für mich) unbekannte Namen, die man sich unbedingt merken und aus deren Feder man getrost mehr lesen sollte. Gemäß dem kleinen Wörtchen „Satire“ im Untertitel gibt es einiges zu lachen. Besonders hervorgetan haben sich für mich in chronologischer Reihenfolge (denn ich lese Bücher ja bevorzugt von vorne nach hinten): Stefan Damm mit seiner umwerfenden Wiedergabe eines Telefonats mit einer Dame von einem Meinungsforschungsinstitut, Johannes Weigel, der über die lemminghafte Ergebenheit von Menschenmassen am Beispiel einer Fußgängerampel berichtet, Nico Walser mit seinem „Busen-Wunder“, Tobias Kunze mit seinem wegweisenden Text über den Umgang mit religiösen Fanatikern, und ganz besonders Björn Högsdal mit seinen beiden Kurzgeschichten über die ungerechte globale Verteilung von Ressourcen und sein „Heimatland“ Norwegen. Sacha Brohm ist mit seinem Skript für ein experimentelles Theaterstück und seiner Auflistung nicht ganz so erfolgreicher Titanic-Sequals auch nicht zu verachten. Das sind so meine persönlichen Highlights im aktuellen, aber jährlich erscheinenden Punchliner. Des weiteren haben mit ihren Texten eine uneingeschränkte Belobigung verdient: Max Lüthke, Uli Hannemann, Wiebke Saathoff, Bdolf, Henning Chadde (der sich über die traurigen Nebenerscheinungen des Älterwerdens auslässt – für mich uneingeschränkt nachvollziehbar) und MarcD., welcher auf keinen Fall so aussehen möchte wie der Penis von John Wayne Bobbit. Und abgesehen davon gibt’s noch eine ganze Latte weiteren Materials, das dem in nichts nachsteht. Beispielsweise feiert Punkrock!-Fanzine-Kollege Jan Off nach jahrelanger Treue seinen Abschied vom Punchliner. Nicht ohne zu vergessen, auf die hier vorliegende Broschüre zu verweisen. Das alles ist hier nur ein fauliges Namedropping, mit dem verfluchten Hinweis, dass man sich den Punchliner unbedingt besorgen muss, wenn man gottverdammtnochmal endlich mal wieder was zu lachen haben will ohne in den Keller gehen zu müssen. Das Wort „Punk“ kommt in einigen Texten auch mal vor, wird aber meist nicht gut behandelt. Aber da stehen wir drüber. Kauft Euch den Scheiß. Es gibt hundert Millionen Arten 10 Euro beschissener anzulegen. Also her damit!   Obnoxious

Harry Rowohlt – In Schlucken-zwei-Spechte

(Taschenbuch, Edition Tiamat, 239 Seiten, 15 Euro)

Harry Rowohlt ist Gott. Ja, ich weiß: „No Gods, No Masters“. Aber Scheiße nochmal, er ist kein imaginärer  Gott, keiner der irgendwelchen verblendeten Gehirnen entsprungen ist. Er ist ein realer Gott. Der reale Gott. Der reale Gott der Abschweifung. Man kennt ihn. Notfalls aus der Lindenstraße als Penner Harry. Besser von einer seiner Lesungen, die es leider inzwischen auf Grund gesundheitlicher Umstände nicht mehr so oft und nicht mehr in geliebtem Ausmaß, das heißt inklusive Saufen und Rauchen, gibt. Vielleicht kennt man ihn als gefragten Übersetzer guter Literatur, z.B. von Flann O’Brien (Klingelt’s beim Buchtitel?) oder als multipel einsetzbare Stimme von irgendwelchen Hörspielen oder -büchern. Möglichkeiten gibt’s genug und niemand hat auch nur den Hauch einer akzeptablen Ausrede, ihn nicht zu kennen. Was wir hier aber haben, ist Harry Rowohlt pur. Ungeschminkt. Harry Rowohlt ist hier kein Medium, sondern er ist das Thema. In „Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege“ (so der Untertitel des Buches) erzählt Harry Rowohlt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege. Tatsächlich. Von vorne bis hinten. Sofern es hinten gibt. Weil, er lebt ja noch. Von daher ist hinten zum Glück noch nicht erreicht. Und das hoffentlich noch lange nicht. Das Buch funktioniert so: Sotscheck fragt, Rowohlt antwortet. Aber Rowohlt wäre nicht Rowohlt, wenn er es bei einfachen Antworten belassen würde, sondern er schweift ab. Wie immer. Er kommt von Arschbacken auf Kuchen backen. Und das ist gut so. Literweise erfährt man hier Anekdoten aus seinem Leben. Anekdoten, bei denen er kein Blatt vor den Mund nimmt und frei von der Leber weg schwadroniert. Ohne Rücksicht auf Verluste in den eigenen Reihen, aber auch nicht in den Linien des Feindes. Als Prominenter muss man ganz schön froh sein, wenn man Harry Rowohlt nicht kennt. Ansonsten besteht nämlich große Gefahr, dass Rowohlt die Schwächen und Macken anderer in die Welt hinaus posaunt. Nicht prollig oder um sich auf Kosten der anderen in Szene zu setzen, sondern einfach so. Es passiert einfach. Rowohlt hat ein Elefantengedächtnis. Er merkt sich den kleinsten Furz, den irgendjemand mal gelassen hat. Und wenn es gerade passt, dann hat man halt Pech gehabt. Oder Glück, denn dann ist man zumindest Teil seiner großartigen Erzählungen. Ich jedenfalls hab mich schlapp gelacht beim Lesen des Buches. Ich habe es geradezu verschlungen. Was allerdings auch kein Wunder ist, denn das Buch ist sehr flüssig geschrieben. Das heißt, es ist ja eigentlich nicht mal geschrieben sondern gesprochen, denn es ist ja nur die Transkription der Gespräche von Sotscheck (dem kongenialen Frager, der ebenfalls keine Möglichkeit auslässt abzuschweifen) und Rowohlt. Man stelle sich vor: Die beiden setzen sich eine Woche lang jeden Tag mit ein paar Pullen Wein und Bier (von daher ist das Buch wirklich flüssig geschrieben – Und: man beachte nochmal den Buchtitel!) an einen Tisch in Irland und schwafeln los. Was soll dabei schon rauskommen als das Beste und Unterhaltsamste was ich in den letzten Jahren gelesen habe? Nichts. Es kann einfach nichts Besseres geben. Außer vielleicht doch: Wenn es die Gespräche der beiden als Hörbuch gebe, wenn man Rowohlt in seiner unnachahmlichen Art zu erzählen auch noch hören könnte – über sich selbst – das wäre das allergrößte Glück auf Erden. Darauf warte ich noch. Danach kann ich von mir aus sterben.   Obnoxious

 

Arnd Zeigler – Keiner verliert ungern

(Taschenbuch, Humboldt, 253 Seiten, 9,95 Euro)

Wer irgendwas mit Fußball anfangen kann und einen Sinn für Obskures hat, kommt mittlerweile eigentlich  nicht mehr an Arnd Zeigler vorbei. Inzwischen dürfte der Stadion-Sprecher von Werder Bremen durch seine wöchentlichen Radio-Beiträge „Arnd Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“, seine gleichnamige sonntägliche Fernsehsendung (WDR), seine Bücher, den alljährlichen Abreißkalender etc pp in der Szene bekannt sein wie ein bunter Hund. Und das ist gut so! Mit „Keiner verliert ungern“ veröffentlicht er mal wieder eine Sammlung mit Zitaten von sauerstoffungesättigten Fußballer-Hirnen, schwafelnden Moderatoren, zu dicken Funktionären und der ganzen Saublase, die sonst noch irgendwie mit der wichtigsten Nebensache der Welt zu tun hat. Die Sprüche, die es hier zu lesen gibt, sind gottgleich. Naja, gut, nicht alle, aber immerhin bringt es das Buch schon auf eine beachtenswerte Zahl an Aussagen, bei denen man sich schon mit der Hand vor den Kopf schlagen muss und sich fragt, wie blöd man denn eigentlich sein kann. Und das ohne sich schämen zu müssen. Schließlich kann es den betreffenden Personen ja egal sein. Man bekommt ja für seine X-Beine die Kohle und nicht für das abgeschlossene Philosophie-Studium. Einige Beispiele gefällig? Hier sind sie: „In Griechenland habe ich noch nicht verloren, aber ich habe auch noch nie in Griechenland gespielt.“ (Erik Meijer) „Jody Morris hat beteuert, er sei nicht in Pornovideos verwickelt gewesen. Er war lediglich zum Saufen in Zypern. Das ist für uns so weit in Ordnung.“ (Chelsea-Präsident Ken Bates) „Sepp Maier ist gefeuert, aber das ist praktisch: Auf dem Arbeitsamt kann man den Trainingsanzug anlassen.“ (Anke Engelke) „Ich glaube, dies ist möglicherweise unser bester Sieg über Deutschland seit dem 2. Weltkrieg.“ (BBC-Moderator John Motson) „Schweden wechselt den Neger aus und bringt einen Zigeuner.“ (Bulgarischer Kommentator bei der WM 94) „Hodge traf für Forest nach nur 22 Sekunden und stellte damit den Spielverlauf völlig auf den Kopf.“ (Britischer Radio-Kommentator) „Er muss ja nicht unbedingt dahin laufen, wo ich hingrätsche.“ (Dortmunds Abwehrspieler Neven Subotic) „Maik Franz foult nicht seine Gegner, sie knien vor ihm nieder.“ (Spruchband von KSC-Fans) Oder der hier: „Ich kann versprechen, dass wir bis zur Kotzgrenze gehen.“ (Christian Wörns) Wahrscheinlich nicht in diesem Zusammenhang: „Trink kleine Biere, keine großen. Wenn Du gesehen wirst, wie du große Biere runterkippst, halten die Leute dich für einen Säufer. Wenn sie dich sehen, wie du kleine Biere trinkst, siehst du professioneller aus.“ (Bobby Moore) Und so weiter und so fort. Sind schon einige Schätzchen in der Schatulle. Am meisten verliebt bin ich in die gesammelten Werke von Hans Meier, dessen Sarkasmus und Coolness ja hinlänglich bekannt sind, und John Motson, den oben bereits zitierten britischen Kommentator, der jetzt mal wirklich gar nichts Konkretes in der Birne zu haben scheint, aber mit seinen Sprüchen ständig den Vogel abschießt. Kleine feine thematische Kapitel und einen Arsch voll kultiger Abbildungen. Generell lässt sich zu dem wirklich schön aufgemachten Buch noch sagen: Kaufen. Es lässt sich hervorragend als Scheißhaus-Lektüre benutzen, selbst nach einer gehörigen Portion Chilli ist der Stuhlgang dann noch ein Vergnügen. Und wer es jetzt noch nicht begriffen hat, für den möchten ich mit Johann Cruyffs Worten schließen:  „Würde mir etwas daran liegen, dass du mich verstehst, dann hätte ich es besser erklärt.“   Obnoxious

 

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