NACKT UNTER WÖLFEN Ein Armutszeugnis aus dem Hause Off

NEUES AUS DER KLAPPERBURG

 

Es gibt Heimsuchungen, die so hartnäckig sein können wie ein Husten nach 40 Jahren in der Feinstaub-Abteilung und in ihrer Peinlichkeit an Fotos gemahnen, die deine Mutter gemeinsam mit Flavio Briatore beim Analverkehr zeigen. Dazu gehört unzweifelhaft die Existenz zweier politischer Zusammenschlüsse, die sich in ihrer Scheuklappenmentalität ergänzen wie Arschhaar und Klabusterbeere. Die Rede ist – die Hilfsabiturienten unter euch haben es längst erraten – von den Antideutschen und ihrem Pedant den Antiimperialisten, also den beiden Teilen der „radikalen Linken“, die nicht nur Nazis und Staatsschutz schon seit Jahren kostenfreie Comedy liefern, sondern mir und uns und euch mit ihrem jeweiligen Anspruch, in jeder Lebenslage die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben, den Besuch nicht weniger, zum Teil löblicher Veranstaltungen verleiden.

Nun war Hamburg, also die Stadt, die mir aktuell Obdach und Nahrung bietet, natürlich nie frei vom Treiben der beiden Narrenverbände. Bis vor kurzem hielt sich der Spuk allerdings in gerade noch zu akzeptierenden Grenzen. Dann aber, genauer am 13.12.2009 spielte sich an der Kreuzung Wohlwillstraße / Brigittenstraße dies hier ab: Auf der einen Seite grobgeschätzte 2-300 Menschen, die mit Israel-Fahnen und einem Wink-Element, das die Vereinigten Staaten von Amerika repräsentiert, gegen „antisemitische Schläger in der Linken“ demonstrieren. Auf der anderen Seite ein vergleichsweise kleiner Haufen, der sich um eine Palästina-Fähnlein geschart hat und den Völkern dieser Welt die linke Faust zum Gruße darbietet. Dazwischen ein antifaschistischer Schutzwall aus uniformierten Leibern und eine handvoll erfolgsverwöhnter Fußballfans, die in dieser mehr als grotesken Situation das einzig Richtige tun, indem sie immer wieder die Zeilen „Hier regiert nur einer. St. Pauli und sonst keiner“ skandieren.

Die Vorgeschichte dieser beschämenden Posse sei an dieser Stelle nur angerissen, schließlich standen die entsprechenden Details bereits in zahllosen nationalen wie internationalen Gazetten: Eine Gruppierung namens „Kritikmaximierung“ wollte im Hamburger Programmkino B-Movie einen Film mit dem Titel „Warum Israel“ auf die Leinwand bringen. Das missfiel nicht wenigen, der im benachbarten „Internationalen Zentrum B5“ beheimateten Mitbürger. Und so kam es zur Konfrontation, bei der ein mit Fahrradschlössern versperrtes Kino-Tor; ein nachgestellter Checkpoint der israelischen Streitkräfte, dessen „Besatzung“ sich mit Holzgewehren und aus Klopapier gefertigten Armeeabzeichen ausstaffiert hatte; sowie zahllose von jeglichem Realitätssinn befreite Geister eine Rolle spielten. Ob die selbsternannten Zensoren tatsächlich Quarzsandhandschuhe und ähnlich schweres Gerät bereithielten, ob wirklich die Ausdrücke „Judenschwein“ und „Schwuchtel“ gefallen sind (als Nazis werden sich – das sagt mir die Erfahrung – gewiss wieder alle beschimpft haben), kann ich nicht sagen, denn ich war an eben diesem Tage glücklicherweise mit Oliver Obnoxious beim Kinderturnen im Müttergenesungswerk.

Demgemäß kann ich auch die Frage nicht beantworten, welche der beiden Seiten zuerst und in welchem Maße handgreiflich geworden ist. Das aber ist für die Bewertung des Vorgangs auch gar nicht entscheidend. Denn wo religiöse Eiferer aufeinandertreffen, ist es früher oder später noch stets zu Gewalttätigkeiten gekommen. Und um religiöse Eiferer handelt es sich bei den Anhängern beider Konfliktparteien allemal. Das beweist nicht nur die Intensität mit der sie ihre Palitücher und IDF-Buttons verehren, sondern auch ihr striktes Schwarz-Weiß-Denken. Schwarz und Weiß aber ist die Welt nicht eingerichtet, auch wenn das den Beteiligten, die natürlich wie alle Wanderprediger einzig und immer „das Gute“ im Sinn haben, schön in den Kram passen würde, damit auch weiterhin bedenkenlos Auf-die-Fresse-Suppe ausgeteilt werden kann. Als ob die Frage, wie Israelis und Palästinenser endlich halbwegs gescheit miteinander leben können, dadurch gelöst werden würde, dass sich tausende Kilometer entfernt selbsternannte Heilsbringer gegenseitig an den Altar pissen … Schade um die Lebenszeit, schade um die Energie, möchte man meinen, weshalb ich allen Antiimps und Antideutschen hier und heute mit Turnvater Jahn zurufen möchte: „Geht lieber Bucheckern sammeln, ihr großen Geister, dann könnt ihr den Lieben daheim wenigstens mal ein zünftiges Glas Marmelade auf den Frühstückstisch stellen!“

Ach, und noch eins: Wer sich als „Punkrocker“ beim Anblick bewusst androgyn wirkender Jugendlicher derart in seinen Vorstellungen von Mode, Rebellion und Männlichkeit bedroht sieht, dass er sich das Lederjöppchen mit Anti-Emo-Logos verunzieren muss, der sammelt am besten gleich mit.

An den Rest: Glück auf!

NACKT UNTER WÖLFEN Ein Armutszeugnis aus dem Hause Off

SCHNEEBLINDE NEUZUGÄNGE IM KABINETT DES DR. CAGLIARI

Seitdem ich einstmals mit ansehen musste, wie der geschätzte Kollege Obnoxious in einer knackevollen Damensauna einen faustgroßen Furunkel mit bloßen Händen dergestalt zum Platzen brachte, dass der herausspritzende Eiter nicht nur die Wangen seiner Sitznachbarin sondern auch die heißen Steine des Ofens benetzte (und das, obwohl der letzte Aufguss gerade mal drei Minuten zurücklag), ist mir nichts Menschliches mehr fremd. Wer daraus nun aber folgern möchte, ich würde meiner Umwelt mit einem durchweg verständnisvollen Blick begegnen, irrt gewaltig. Schließlich gibt es über das oben geschilderte Grauen hinaus noch eine ausreichende Zahl an Absonderlichkeiten, die eher dem Bereich des Außerirdischen zuzuordnen sind.

Einen vorderen Platz in dieser Kategorie belegen ohne Zweifel Punkrocker, die den gemeinsamen Konsum identitätsstiftender Getränke getreu dem Motto „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ mit dem Output rechtsradikaler Aushilfsmusikanten untermalen. Konsequent zu Ende gedacht mögen Endstufe, Landser und Co tatsächlich den wahren „Soundtrack zum Untergang“ darstellen. Ob die lederbejackte Hörerschaft des braunen Trommelfellbefalls sich allerdings auch dann noch vor Lachen auf die Schenkel schlagen möchte, wenn sie zu denselben Klängen dereinst erst zum Frisör und hernach zum Ernteeinsatz geprügelt wird, sei hiermit bezweifelt.

Nicht minder von extraterrestrischen Wesen gesteuert scheinen mir diejenigen Exemplare aus der Gemeinde der Pogo-Jünger zu sein, die sich vor den Karren menschenverachtender Werbesender spannen lassen. Ob es, wie mir unlängst aus zuverlässiger Quelle berichtet wurde, tatsächlich der Wahrheit entspricht, dass in der so genannten Doku-Soap „Frauentausch“ bereits mehrere Punkerpärchen zur fröhlichen Selbstentblößung angetreten sind, kann ich zwar nicht bestätigen. (Da ich mir telefonisch gleich mehrmals am Tag Bockys Fortschritte bei der Fertigstellung des Freiflug-Modells „Der kleine Uhu“ anhören muss, habe ich zum Fernsehgucken nur wenig Zeit.) Dafür ist es mir immerhin gelungen, meiner Netzhaut ein paar Folgen der RTL-Schmonzette „Die Ausreißer – Der Weg zurück“ zu überantworten. Eine traumatische Erfahrung, gegen die sich Bockys Anrufe wie eine EPO-Behandlung ausnehmen.

Aber im Einzelnen: Im Auftrag besorgter Erziehungsberechtigter, deren Nachwuchs die heimische Einöde verlassen hat, um fürderhin in der Punkszene herumzutollen, begibt sich ein adipöser, betont lässig gekleideter Sozialarbeiter in die Fußgängerzonen und Bahnhofsunterführungen der Republik, um die verwirrte Brut an die elterlichen Zitzen zurückzuführen. Erschreckend ist dabei weniger der erwartbare Dummsprech des Jugendpflegers („Natürlich muss ich mit dem Mario jetzt erstmal ein paar Tage arbeiten.“) sondern die dargebotene Performance derjenigen, denen der verständnisvolle Dicke seine Gesellschaft aufnötigt.

Natürlich kann von einem chronisch finanzschwachen Straßenpunk nicht erwartet werden, dass er das von RTL gebotene Handgeld kurzerhand aus- und dem Sozialpenetrator stattdessen (wie es ja eigentlich angebracht wäre) das Fressbrett einschlägt. Aber rechtfertigen es hundert Euronen und drei Paletten Gratisbier, auf die vor laufender Kamera gestellte Frage, warum es denn in der besetzten Buchte so stinken würde, die Antwort ja, das war der Otze, der hat im Suff die Pisstonne umgetreten abzuliefern? Nein, natürlich nicht. Denn Punkrock darf zwar Alles. Nicht aber, sich vor den Augen sensationsgeiler Gebührenzahler mit selbst angerührter Scheiße bekleckern.

Nicht auszudenken, was da in Zukunft noch alles über den Bildschirm laufen könnte, wenn das eben beschriebene Elend zum Trend mutiert. „Sid and Nancy – Crazy in Love“ bleibt uns aus den bekannten Gründen glücklicherweise erspart. Dafür sind zahllose andere „Formate“ denkbar, die mir schon jetzt das Kokain in den Adern gefrieren lassen. „Deutschlands schönste Punkerhochzeit“ etwa oder „Kochen mit Wattie“. Hohe Einschaltquoten würde sicher auch einer dieser Alle-gegen-Alle-Contests erzielen, bei denen sich aknegeplagte Jungspunde um eine Arbeitsstelle balgen. Im angedachten Fall könnte das ein Job als Roadie bei, sagen wir mal den Pestpocken sein. Gegeneinander Angetreten wird dann in den Disziplinen Dosenschießen, Iro-Stylen und Tourbus-Fahren unter Alkohol- und Cannabis-Einfluss.

In Anlehnung an die ungezählten „Ballermann“-Reportagen, die bis vor ein paar Jahren noch zum Standard-Auswurf der Volksverdummungskanäle gehörten, sollte natürlich auch ein jährlicher Live-Bericht vom Force Attack nicht fehlen. Interviews mit Alkoholleichen und Vorzeigehooligans; Nahaufnahmen von der Dosenschlacht; brennende Zelte, brennende Dixie-Toiletten, Muttis brennender Golf – da schmeckt das vor der Mattscheibe verzehrte Fettbemmchen mit Feuerwehrmarmelade und Zwiebeln doch gleich doppelt so gut. Als Höhepunkt der unkoscheren Vereinigung von Punk und TV schließlich die Teilnahme der Kollegen Snitchcock und Social am „Promi-Spezial“ von „Wer wird Millionär?“. („Wir spenden unseren Gewinn der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.“ „Aber wir wollten doch eigentlich alles beim Penny …!“)

Bleibt nur zu hoffen, dass das Punkrock! diese anstehenden Schrecken am Ende nicht noch mit einer eigenen Programmbeilage goutiert. Glück auf!

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GEWISSENSPRÜFUNG IM FREIEN GRIECHISCHEN STIL

Eigentlich hätte diese Ausgabe meiner wohlfeilen Kolumne davon künden sollen, wie Kollege Obnoxious und ich anlässlich der Premiere des Films „Chaostage“ mal so richtig die Salonlöwen haben raushängen lassen (inklusive Wrestling-Einlage auf dem Büffet und Erbrechen in der hoteleigenen Sauna oder umgekehrt). Des Weiteren hatte ich die These verhandeln wollen, dass es für Punkrocker – entgegen der Meinung diverser Internet-Kommentatoren – durchaus statthaft ist, sich von Firmen wie Coca-Cola, BMW oder DIXI Geld und Güter in den Popo schieben zu lassen, solange ebendiese Sponsoren nur im Nachhinein ausreichend ausgelacht und verhöhnt werden. Womit dann nebenher auch gleich noch der Beweis erbracht worden wäre, dass es sich bei „Chaostage“-Regisseur Tarek Ehlail um einen in jeder Hinsicht rechtschaffenen Christenmenschen handelt. Aber warum über Krawall-Filme und deren Macher sinnieren, wenn doch in Griechenland justament realer Krawall stattfindet?!

Es ist zwar nicht davon auszugehen, dass sich die griechische Flagge in Kürze in den Farben Schwarz und Rot präsentiert und die aktuelle Hymne durch einen Song von Crass ersetzt wird. Eins aber vermitteln das Ausmaß und die Qualität der aktuellen Proteste allemal, nämlich die beglückende Botschaft, dass es manchmal eben doch schneller gehen kann, als allgemein vermutet. (An dieser Stelle einen kurzen aber hämischen Gruß an Erich Mielke und Nicolae Ceausescu.) Soziale Revolution? Das klang doch – zumindest seit Mitte der 1980er – wahlweise nach Mottenkiste oder Christi Himmelfahrt. Und auch im Hier und Jetzt will der Begriff noch nicht mit der rechten Geschmeidigkeit über die Lippen. Aber vielleicht lohnt es sich, die Aussprache schon mal vor dem Spiegel zu üben. Vielleicht besteht ja doch noch der Hauch einer Chance, die „freie Assoziation freier Individuen“ zu erleben, bevor sich die Menschheit endlich selbst abgeschafft hat (was dann natürlich das wahre Paradies auf Erden darstellen würde).

Dass der Kapitalismus sich nicht selbst überwindet, dass also Krise und Arbeitslosigkeit keineswegs Zeichen eines kapitalistischen Niedergangs darstellen, dürfte klar sein. Gleichermaßen gilt aber auch, dass eine größere Zahl an Unzufriedenen zumindest die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung erhöht. Es könnte also, bevor du dereinst ins Siechenhaus einziehst, noch ernst werden, Freundchen! Stellt sich nur die Frage, ob du das Neue wirklich wagen willst. Rebellische Musik hören, ein Punkrock-Fanzine machen, im Mob-Action-Jöppchen auf Demos rumlatschen, gegen Nazis sein, markige Parolen auf Hauswände sprühen – das ist natürlich alles löblich, aber solange am Abend Spiegel-TV und Fertigpizza auf dich warten, noch nicht mal ansatzweise etwas, das über deine wahren Motive Auskunft gibt. Was hat Lifestyle schon mit Gesinnung zu tun? Gar nichts, genau. Es kann also nur darum gehen, was du und ich und natürlich der Rest der Rasselbande zu opfern bereit sind. Unterhaltungselektronik? Die Käsetheke mit einem Angebot von gefühlten zweihundert Sorten? Hochgeschwindigkeit? „Alles für alle“ heißt ja nicht, dass auf diesem Planeten plötzlich sieben Milliarden voll getankte Maserati bereit stehen.

Und dann befinden sich da ja eventuell auch noch ein paar Hindernisse auf dem Weg zum Zieleinlauf. Nichts gegen gepflegte Cowboy- und Indianerspiele, der Mensch lebt schließlich nicht vom Brot allein. Aber wie sieht’s aus, wenn plötzlich nicht nur alle paar Jahre scharf geschossen wird? Gilt dann immer noch: „legal, illegal, scheißegal“? Es bleibt nur zu hoffen. Es bleibt nur zu hoffen, dass im Falle eines Falles ausreichend Volk unterwegs ist, das genau weiß, wofür es die eigene Unversehrtheit zu riskieren bereit ist. Also nehmt kurz den Rüssel aus der Koksdose und beantwortet euch die erste von vielen und damit die alles entscheidende Frage, bevor ihr eure letzten Kröten in Gasmasken und Pyrotechnik investiert, liebe Betschwestern und Bibelbrüder: „Will ich das selbst bestimmte Leben oder will ich Scheiße für immer?“ Nicht, dass sich nachher irgendwer auf die fehlende Aufwärmphase herausreden kann, wenn es ums Ganze geht. Glück auf! Jan Off

HERDER – das ende vom lied

Viele ältere Leute werden es vielleicht nicht mal richtig registriert haben, viele jüngere Leute vielleicht höchstens mit Achselzucken quittiert haben. Mich persönlich hat’s nicht gerade überrascht, aber dennoch kam ein bisschen Melancholie durch, als ich im Herbst 2009 von der anstehenden Muff Potter Auflösung erfuhr.

Kurz vor Ende hat die Band allerdings nochmal ein echtes Kracheralbum rausgehauen, das (zumindest mich persönlich) für die drei Alben zuvor entschädigt hat, die ich als von wechselnder Qualität in den Ohren behalten habe. „Gute Aussicht“ dagegen ist ein erhabener Mix aus den Alben der Frühzeit, als die Band noch im münsterländischen Rheine beheimatet war und den darauffolgenden, zum Teil auf Universal erschienen, Alben. Aber besonders die ersten drei Alben und das phantastische Demo werden wohl als das in Erinnerung bleiben, was von Muff Potter auch noch in vielen, vielen Jahren über bleiben wird. Kennen gelernt habe ich Nagel und später auch den Rest der Truppe 1996 auf den Emsdettener Chaostagen (hüstel). Aufgrund der örtlichen Nähe (ich komme aus dem 10 km entfernten Emsdetten, bin 1998 für kurze Zeit nach Rheine gezogen und wohnte später in Münster auch in einem Haus mit Ex Bassist Mark und Nagel), aber natürlich auch wegen der tollen Musik waren Muff Potter ab Mitte der 90er für mich eine der wenigen Bands, die mich bis heute begleitet haben und auf deren neusten Output ich immer mehr als gespannt war.

Nun ist’s also vorbei und ich hätte es wohl keiner Band mehr gegönnt als den Potters, den kompletten Durchbruch zu schaffen. Denn während ich zig HC Päpste und Punkrock Götter kommen, gehen und zwischendurch ihr Studium fertig machen sah, hat die Band mehr als konsequent ihren Weg durchgezogen und quasi alles für die „Karriere“ geopfert. Meinen tiefsten Respekt dafür. Und wer damals wie heute von „Kommerz“ und „Ausverkauf“ labert, der hat vielleicht einfach verpasst, mal Drummer Brami gesehen zu haben, wie er, schon während der Zeit des Universal – Deals, als Fensterputzer durchs Münsteraner Hansaviertel flanierte.

Aber zurück zu „Gute Aussicht“, das ich Euch hiermit nochmal stärkstens ans Herz legen möchte und (Ehre wem Ehre gebührt) Stück für Stück vorstellen möchte, garniert mit der ein oder anderen biographischen Anekdote. Hier wir gehen:

„Ich und so“ klingt als Songtitel zwar fürchterlich lakonisch und lässt in mir schlimmste Assoziationen emporsteigen, startet aber nach nur wenigen Sekunden gekonnt durch und knallt als Opener so wie es Sodoms „Agent Orange“ auf selbiger Platte bereits vormachten: einer der derbsten Songs des Albums wird direkt an die Front gepackt, so dass alle Sissis bereits durch den ersten Schuss niedergestreckt werden. Ein dynamisches Riff dominiert die ersten Strophen, bis der eingängige Refrain folgt und selbst das abgerundete obligatorische Akustikende stört nicht. Eher im Gegenteil – die reingesampleten Lacher am Ende erinnern wehmütig an Zeiten des Demos bzw. der ersten Platte. Vielleicht sind sie sogar ebenfalls aus „Barfly“ oder „Verlierer“ geklaut, ich weiß es nicht.

Textlich wird ein Thema aufgegriffen, dass zwar vordergründig recht eindimensional über Nagels Liebe zur Literatur berichtet, andererseits aber auch immer wieder den eigenen Ergeiz des Verfassers widerspiegelt (Stichwort: „Die Unsterblichkeit des Künstlers und seines Werks“) und zugleich natürlich dem eigenen Verbeugen vor den Leuten, denen dies bereits gelingen durfte.

Nach gelungener Ouvertüre folgt mit „Rave is not rave“ ein typischer Muff Potter Track – treibendes Schlagzeug und eingängiger Refrain, geht gut rein und rein musikalisch solide. Textlich habe ich, was mir lange nicht mehr passiert ist, lange überlegt, worum es im den Track geht und kam zu dem Entschluss, dass hier die erste kleine Abrechnung mit der Majorvergangenheit erfolgt. Die Punkerplattitude „Wer mit den Majors ins Bett geht, muss sich nicht wundern, wenn er gefickt wird“ wird hier aufgegriffen und durch ein Mädchen symbolisiert, mit dem Nagel knick-knack gemacht hat, wobei der entstandene Ekel durch den Gebrauch des Wortes „Schlüpfer“, bei dem mir schon beim Schreiben schlecht wird, nochmals Nachdruck verliehen wird. Vielleicht geht’s aber auch einfach nur um ficki ficki und ich überinterpretiere das alles ein wenig. Im zweiten Teil folgt dann der typischen Potter Pathos, der das wieder aufgegriffenen „Los – Stop – Schade“ Thema in typischer Manier umkehrt. Besonders gefällt mir dabei das „…und die ausgelutschten Ssssssstunden“, das hat etwas vom wendehalschen’ „von hinten an die Sssssschulter“. Schön auch noch die etwas an The Living End erinnernde Basslinie am Ende.

„Ich bin charmant“ geht wieder in die etwas derbere Ecke und wurde intelligenterweise vom ersten Song getrennt, da beide sich doch von der Struktur ziemlich ähneln. Treibende Gitarren und typischer Potterscher Hymnenrefrain, immer nahe an der Grenze zur Fremdscham, die aber (und das ist die große Kunst) eben nicht überschritten wird. Geht insgesamt gut rein, wenngleich textlich ein wenig „Reim dich oder ich töte dich“ gezockt wird. Trotzdem solide und textlich angenehm egozentrisch.

Nun gut, „Niemand will den Hund begraben“ ist natürlich der Knaller – besonders natürlich, wenn eben Band und Hörer eine ähnliche örtliche Herkunft haben. Mir ist beim Hören eine Dauergänsehaut gewachsen, während Bilder von vergangenen Zeiten in meinem Gehirn explodierten. Besonders natürlich der geschickt eingebaute Insider „Samstag ist Disco in Grüters Scheune“ hat mein Herz zum Leuchten gebracht, handelt es sich bei dieser absolut genialen Baracke um den Pferdestall eines Bauernhofs in der weitläufigen Pampa des Osnabrücker Lands, in dem in den 90ern diverse Krawallkonzerte stattfanden (Muff Potter selbst spielten dort auch 1-2 Mal). Astreines Ambiente, stilecht mit Lattenjupp im Vorgarten, eine schöne Zeit war das. Ach, was heißt schon „war“ – letzten Sommer gab’s noch ein festliches Revival mit Vogue, Brat Pack und Co, wie immer natürlich mit frei saufen, Hammer. Eigentlich geht es im Song ja mehr um die Landflucht der heutigen Jugend, aber die Beschreibung der Lebensumstände kommt natürlich nicht ohne viele Anspielungen aus, die auch meine Jugend prägten.

Eigentlich bin ich kein großer Verklärer vergangener Zeiten, aber dennoch denke ich natürlich gerne an solch unbeschwerte Zeiten, in denen alles so einfach wirkte, zurück. Vor ein paar Tagen habe ich im Kino „Dorfpunks“ gesehen und scheiße, gibt es eigentlich einen Grund, diesen Film schlecht zu finden? Also so richtig scheiße? Geht nicht – zumindest nicht, wenn man ebenfalls aus ner Kleinstadt kommt und Punker ist oder war. Einer dieser Filme, bei denen man sich wieder in die Jugendzeit zurücksehnt und sich anschließend aber auch ein wenig wie ein geifernder alter Bock vorkommt, der denkt, er hätte seine Jugend nicht vernünftig ausgelebt. Aber genau das habe ich doch ganz gut hinbekommen, denke ich. Gut, etwas weniger Punkrock Life hätte vielleicht dazu geführt, dass ich nicht noch mit 30+ das Studieren (mal wieder) angefangen habe und mich heute mit Psychos (nein, nicht die Heinis mit den Kontrabässen und den lustigen Frisuren, die richtigen) rumprügeln muss. Aber andererseits schafft solch ein Leben eine überaus schnelle Befriedigung. Wenn man früher lange Jahre unter dem Existenzminimum gelebt hat, fühlt man sich heute auch mit einem ordentlichen Geringverdienergehalt sauschnell wie der Graf von Kohlen und Reibach des Ruhrpotts. Es ist halt wie es ist und ich weiß nicht, wie oft ich in der Reflexion vergangener Jahre und Entscheidungen sanft „Choices made“ von Civ vor mir hergesummt habe.

„Blitzkredit Bop“ führt eine schöne Muff Potter Tradition der letzten Jahre fort, nach der der schlimmste Track des Albums auch als erste Single veröffentlicht werden muss. „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“, also echt…

Aus dem tiefen Tal geht’s allerdings auch ganz schnell wieder zum nächsten Höhepunkt. „Die Party ist vorbei“ überzeugt mir schöner Melodie, treibendem Takt und Fäuste-in-die-Luft-reck-Refrain. Schicker Sauftrack mit typischer Gläser-in-die-Luft Thematik – OHNE dabei in bekackte „Wein, Weiber und Gesang“ Lyrik abzudriften. Bei Muff Potter hatte man immer den Eindruck, die Sauferei sei echtes Lusttrinken. Nicht weil man dazu toll feiern kann, sich den Frust von der Seele schlucken kann oder es zu einem gemütlichen Abend dazu gehört – nein, weil es gottverdammt nochmal Spaß mach und schmeckt! Nicht als peinliche Inszenierung oder szenegeschuldetes Opferlamm der Anpassung, sondern eher als sozialromantisch anlackierter „Saufen bis in den Untergang“ Pathos. Und das ist verdammt richtig so.

„Alles war schön und nichts tat weh“ hat einen knallermäßigen Chaos Z ähnlichen Basslauf zu Beginn und auch im Mittelteil, der Refrain klingt ein bisschen ausgelutscht, ansonsten geht’s volle Kanone nach vorne – gut!

Die Gitarren von Minus The Bear könnten „Wie spät ist es…“ beeinflusst haben, was mir formidabel gefällt. Textlich wird’s dann sehr persönlich, geht es doch hier u.a. um den ehemaligen Sänger von Muff Potters Vorgänger Band „Sexton And The Frusties“, der eine beeindruckende, wenn auch irgendwie konsequente, Karriere vom Punksänger über Technohorst bis zum dummen Nazischwein hingelegt hat. Mir würde solch Kleinstadtkolorit irgendwie am Arsch vorbeigehen, auch wenn ich bedenke, dass der Heini lange Jahre in meiner Heimatstadt gewohnt hat und ebenso lang mit einer Klassenkameradin liiert war, aber gut. Wie heißt es so schön „Du kannst den Jungen aus Rheine kriegen, aber niemals Rheine aus dem Jungen“. Platter Satz, aber die in den Potter Songs immer wiederkehrende Thematik „(angekotzt sein von der) Kleinstadt“ lässt die Vermutung zu, dass die langen Jahre zwischen Bundeswehrkaserne, Kirmesprolls und dem „Roxy“ (örtliche „Alternative – Disse“) tiefe Narben hinterlassen haben müssen. Wenn ich dagegen meine Beziehung zum alten Heimatkaff überdenke, überwiegen da v.a. positive Gefühle, wenngleich doch auch meist von einer deutlichen Gleichgültigkeit ummantelt. Wenn ich jetzt noch mehr nachdenke, offeriert sich mir allerdings, dass dieses “positive Desinteresse“ eigentlich fast alle meine Lebensbereiche abdeckt – was zur Folge hat, dass mir meine Heimat anscheinend so egal oder wichtig ist wie das meiste andere auch. Ergo: wenn ein ehemaliger Freund jetzt Nazi ist, wäre das schade, aber auch irgendwie so weit von mir entfernt wie Prinz Poldi von der Torjägerkanone. Überraschen würde es mich allerdings noch weniger.

„Wir werden uns kümmern“ fällt eher unter die Kategorie „solide“, bietet aber dennoch die Erkenntnis, dass Nagel bitte so ziemlich alles nach dem Ende der Band tun sollte – nur bitte nicht rappen. Denn „Der schmale Grat zwischen Haltung und Arroganz,
den du dein Selbstbewusstsein nennst / Ist so unsicher wie ein Pilot, der den Wetterbericht nicht kennt“ wäre als schlagkräftige Punchline in etwa so geeignet wie „Meine Damen und Herren, liebe Neger“ als Begrüßungsrede eines Bundespräsidenten. Aber gut – andererseits hat sich das ja auch lange gehalten. Am Ende gibt’s noch ein überragendes Pixies Zitat, jedenfalls glaube ich, dass es von ihnen ist. Wenn nicht, Respekt an die Herren Kappellmeister.

Der drittletzte Song heißt „Mein Freund das Wrack“. Ein Song, der mir musikalisch wenig gibt, dafür aber textlich meine Öhrchen zum Funkeln gebracht hat und der so einige Schlauen-seine-Söhne vor meinem geistigen Auge noch einmal den politisch korrekten Taschenbillard – Wipptanz aufführen ließ. Wem nicht mindestens fünf solcher Exemplare sofort beim Hören des Songs ins Hirn kommen, ist definitiv nicht lang genug szenegeschädigt und wird nicht unter mindestens drei Jahren Teilnahme an AZ Plenen, Veganen Voküs und antideutschen Diskussionsgruppen bestraft.

„Eiskunstlauf ohne Ton“ beginnt schlapp und mit wieder ein paar weniger gut gelungenen Wortspielereien, steigert sich aber in ein fulminantes Finale mit Gänsehaut Garantie, das mittlerweile zu meinen Lieblingsmomenten dieser grandiosen Platte gehört.

„Gute Aussicht“ ist dann der passende Rausschmeißer, leider ein bisschen unspektakulär, aber insgesamt natürlich ein guter Abschluss.

Tja, zum Abschluss dieser Kolumne und auch zum Abschluss der Band habe ich mir die ganze Chose noch einmal live gegeben und dabei ist mir wieder aufgefallen, wie viele Hits die Band eigentlich hatte. Auch wenn mir noch seitenweise Sachen einfallen würde, denke ich: kein falsches Getöse, kein schmalziger Pathos. Es wird bestimmt, in welcher Form auch immer, irgendwie sicherlich noch einiges zu hören sein. „Das Ende vom Lied“ ist hoffentlich noch nicht endgültig erreicht.                                                                                             Herder

KNALLFRÖSCHE IN POP YPS mit Gimmick #556 – Das Taschenzelt Für Abenteurer

(Gruner + Jahr, 1986)

Lange vor “Titanic” & Co. erschien in doofen Landen ein noch viel besseres Satire- Heftchen (da es nämlich keine gewollte, sonder Realsatire bot), dessen Fanschar zu jener Zeit zwar ungleich größer war als jene von Gsella & Co., dafür aber auch weitaus unkritischer.

Und das betraf noch nicht einmal die dämlichen Comics mit CDU- Moral, in denen immer der Anständige, Fleißige in Form einer Ronald- Pofalla- Hackfresse wie Musterhündchen ‘Pif’ der Gute war, und im Gegensatz dazu ein abgehangener, cooler Schluri wie Kater ‘Herkules’ immer sein Fett weg bekam. Mal ganz abgesehen von ‘Robin Ausdemwald’, der in dieser vorliegenden Ausgabe zu allem Elend (und zur Freude zukünftiger “Bahamas”- Leser) auch noch ein Abenteuer namens “Geheimauftrag in Palästina” bestehen musste… Viel mehr noch stürzte sich unsereins völlig vorbehaltlos jeden Freitag auf die dem Machwerk beigelegten, teilweise alles andere als PC- tauglichen “Gimmicks”, von denen die durch fortwährende Wärmeexposition traktierten, mexikanischen Springbohnen (also eigentlich gut eingemummte Schmetterlingsarven, die in der Hitze um ihr Leben hüpften), in Einmachgläsern gehaltene, lebende “Uhrzeitkrebse”, die brandgefährlichen “Klapperschlangen- Eier aus Texas” oder “Die hüpfenden Flöhe vom Mars” noch zu den harmlosesten gehörten (da passt es im übrigen auch ganz gut ins Bild, dass der verantwortliche Verlag, Gruner + Jahr, auch die elendige “Du bist Deutschland”- Kampagne ins Leben rief, aber das nur nebenbei). Mal ganz abgesehen von den sporadisch beigelegten Flexi- Discs (für Spätgeburten: hauchdünne Folien- 7″er), welche eine unfreiwillige Komik verbreiteten, die damals ihresgleichen suchte -und natürlich noch nicht wirklich erkannt wurde, weswegen solch famose Machwerke wie die “Hit- Single” von ‘Mecki Spaghetti’ bestenfalls an die Wand genagelt wurden. Auch ein latenter Hang zum Größenwahn konnte bei der Redaktion ausgemacht werden: Gimmicks wie “Die Gasdruck-Rakete”  oder “Der Spezial-Mörser zur Bekämpfung von Lawinen” waren da nur die Spitze des Eisbergs. Das ist alles aber noch nichts gegen das aufgrund der großen Beliebtheit mehrmals aufgetauchte “Abenteuer- Zelt”. Auch aus heutiger Sicht ist die Unverfrorenheit des Verlags immer noch einigermaßen beeindruckend, sich nicht zu schade zu gewesen zu sein, unschuldigen Kinderchen solch ordinäre, aufgeschnittene (aber immerhin mit grinsenden Wölfen bedruckte) Mülltüten als “Zelte” anzudrehen. Kein Wunder also, dass jenes gute Stück seinerzeit recht häufig für derbsten Familienstress sorgte, da der Nachwuchs nicht begeistert daüber war, das Gerät nicht standesgemäß ausprobieren zu dürfen. Allerdings nur bei den überbegluckten Bonzenblagen aus dem Neubauviertel, die eh im Normalfall abends um sechs bei Muttern antreten mussten. Bei Ansgar und mir war das hingegen eine Angelegenheit von Minuten, die Alten davon zu überzeugen, dass es völlig normal sei, wenn Elfjährige, von einer an beiden Seiten offenen Nylonplane umhüllt, in der Pampa nächtigen. Also fix was vom Grundstück der jeweilig anderen Sippschaft erzählt und ab in die Wallachei am Stadtrand. Praktischerweise fand im Nachbarkaff zeitgleich noch deren Dorffest statt, welches vorm Antesten der Edelbehausung unbedingt noch frequentiert werden musste. Tja, beim Festen nix neues: Nachwuchs- Feuerwehrleute, Nachwuchs- Dorffußballer, Nachwuchs- Kaninchenzüchter und Nachwuchs- Alkoholiker bei den ersten Gehversuchen in Sachen Sau rauslassen, Pommeranzen klarmachen, mit Nachbardörflern prügeln und abkacken. Schöne Zukunftsaussichten. Mit der Erkenntnis, hier ungefähr so wohlpatziert zu sein, wie der Ortsrat in der Kifferspelunke, dann der Beschluss, schnellstens wieder das wolhige Nest im Dickicht anzusteuern. Die nächste glorreiche Erkenntnis, nämliche jene, dass das “Zelt” absolut nix taugen würde, folgte umgehend. Aus ner nahe liegenden Scheune noch fix zwei leere Futtersäcke entwendet, selbige mit dem Rambo- Messer aufgeschlitzt, als Front- und Hinterwand eingesetzt, und rein ins frostige (und windige) Vergnügen. Wer hätte denn auch gedacht, dass Nylonplane in Alditütenstärke nicht sehr merklich gegen Bodenfrost schützen wird? Sauerei. Da half dann auch das anderweitig beigelegene, mit wahnwitzigen Tipps gespickte “Handbuch für Abenteurer: Überleben in der Wildnis” nichts mehr. Kälte, Dunkelheit, Geräusche from hell, den Wildsäuen und anderem Gesocks schutzlos ausgeliefert und dann auch noch aufgrund der großzügigen räumlichen Verhältnisse mit dem Nachbarshonsel auf Tuchfühlung- die Schnapsidee des Jahres! Einigermaßen erleichtert darüber, keine Lungenentzündung davongetragen zu haben, ließen wir Kaspar, Patsch, Willy und die anderen Dumpfbacken dann doch bald darauf links liegen, zumal sich die tollen Gimmicks eh ständig wiederholten. Und widmeten uns lieber dem berüchtigten, recht beizeiten auch im Kaff- Kiosk feilgebotenen ‘Metal Hammer’. Der bot zwar ebenfalls in erster Linie Realsatire, drehte den Kids aber wenigstens keine lebensgefährlichen und politisch unkorrekten Beilagen an. Die Gratis- Promo- CDs gab es ja schließlich damals noch nicht…

Snitch

KNALLFRÖSCHE IN POP MEET THE FEEBLES

(Wing Nut Films, 1990)

 

Der Bildschirm vor mir starrt mich giftgrün an, an jenem Novemberabend 2004, als ichdie letzte Mail vor jenem verhängnisvollen Meeting abschicke und mir wie Schuppen vordie Augen fällt, dass ich gerade im Begriff bin, es den Leuten gleich zu tun,die ich eigentlich für solch einen Mumpitz immer ausgelacht oder bemitleided habe: ein blindes Datum mit einer holden Unbekannten, die wohl ebenso wie ich Doofkopp gerade von akuter Laune an nem Sack- Reis- Abendhoier befallen ist. Kontaktherstellungvia nem profanem Sachkundeforum im Netz geht fix, kostet wenig Nerven und lässt viel Raum für Illusionen.

Der Kappes schlechthin also. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen wird also ein kleines Bündel an Buchstabensuppe für sympathisch befunden und ab dafür. Mag für den einen oder anderen, erfahrenen “Abgefuckt-liebt-dich”- Nutzer wohl nix besonderes sein, fremde Punketten fürs nächste Betontod- Konzert zu daten, aber für meine Begriffe mutet es schon etwas, nun ja, abgefuckt an, auf diesem Wege sein Umfeld zu erweitern. Aber wenn man sich gerade mal wieder als frisch geschieden bezeichnen kann, passiert es eben auch schon mal, dass man sich selbst für den größtmöglichen Unsinn nicht zu schade ist. “Du musst dich halt einfach mal in nem anderen Genre umschauen, wo die Frauen nicht so anstrengend sind wie diese ganzen Borderline- Gestalten in der Szene”- dieser gutgemeinte Rat einer Bekannten hallt mir noch im Ohr, als ich des Abends mit ohne Nawwi, aber mit selbstgekritzeltem Wegweiser das Kaff mit dem seltsamen Namen, der eher nach einer skandinavischen Zwischenmahlzeit klingt, ansteuere. Helen ließ schon beim Geschreibselaustausch (wahrscheinlich unbeabsichtigt) zwischen den Zeilen durchblicken, dass sie mit dem ganzen Szenekram eigentlich gar nicht soo viel am Hut hat, sondern es eher vorzieht, pragmatisch auf dem Hauptstrom umherzuschippern. Auch gut, muss man zur Abwechslung mal nicht krampfhaft über Anarchosyndikalismus, malignen Narzissmus, strukturellen Antisemitismus oder Stehpinkelismus debattiert werden. Ma was anderes. Entspannend. So könnte es zumindest sein. Nur dumm, dass Helen ganz und gar nicht zur entspannten Sorte gehört, sondern mir beim Öffnen der Tür erstmal entgegengrummelt, ich solle mir auf alle Fälle richtig die Quanten säubern, bevor ich ihre Gemächer kontaminiere. Die demonstrative Lockerness beim Schreiben lässt sie jedenfalls in natura schonmal vermissen. Hier heißt das Entzauberwort eher konservenlasziv. Mit dem Charme einer Immobilienmaklerin führt sie mich erstmal durch ihre Behausung, die so steril und öde wirkt, dass ich mir ein herzhafte Gähnen kaum verkneifen kann. “Sollen wir dann erstmal n Käffchen trinken?!”, fragt sie mit einer Routine in der Stimme, die den Anschein macht, dass sie gerade in Gedanken eine To- do- Liste abhakt- am besten noch mit Resonanz- Punktesystem. Ich bin gerade abschweifend bei dem Punkt “Einmal und nie wieder, diese Blinddate- Scheiße” angelangt, als sie mir plötzlich drei verschiedene Tütenkaffeesorten vor die Nase hält und damit rumwedelt. “Wiener Melange, Latte oder Vanille?!” raunzt sie mir in charmantestem Kasernenhofton entgegen. “Äh, pff…”. “Gut, dann mach ich uns mal Latte.” Plötzlich ist dieser etwas unheimeligen Situation was durchaus Amüsantes abzugewinnen, da hier ja offensichtlich keine Welten, sondern Universen aufeinandergeprallt sind. In der Hoffnung, dass sich das Aufeinanderprallen in rethorischem Ausmaß hält, beginne ich also, Interesse für ihr Tun und Schaffen vorzutäuschen. Und da sprudelt es auch schon aus ihr raus. Als gestandene Leiterin einer Shell- Filiale hätte sieschließlich Vorgesetztenfunktion, und da muss man natürlich auch darauf achten, dass “die Partie” gleichwertig ist. Auch wenn sie die Sache mit der Autorität den Unterstellten gegenüber noch nicht perfekt beherrsche. Und überhaupt ginge das ja gar nicht, dass eine ihrer Kassiererinnen ständig die männlichen Kunden anbaggere, völlig unprofessionell, die werde sie wohl baldigst aus dem Verkehr ziehen müssen etc., bliblablub. Dass bei solchen Leuten der Laberfokus natürlich mal wieder bei der Malocherei Liegen muss, ist nicht weiter überraschend, schließlich definiert sich dieses Klientel ja ausschließlich über ihr Karrieregedöns. Bevor mir also endgültig die Augendeckel zufallen, verklickere ich ihr auf die Anfrage “…und du so?” noch kurz und knackig, dass ich zu Zeit Betreuersau in nem Behindertenwohnheim spiele. Und vernehme daraufhin nach einem ernüchterten “Mhm…” doch tatsächlich ein rudimentäres Naserümpfen. Ich grinse mir einen. Aus Verlegenheit deutet sie auf ihren riesigen Flachbildschirm und meint: “Der läuft hier momentan immer im Hintergrund. Das hat irgendwie was beruhigendes. Und der ist ja auch wirklich toll gemacht”, erläutert sie, als ob sie gerade das siebte Weltwunder entdeckt hätte. Die Rede ist von “Herr der Ringe II”, dem total coolen Underdog- Streifen vom alten Jackson Pit. Ich weise darauf hin, dass dieser nach “Braindead” eigentlich nur noch Kappes fabriziert hat und mir auch die Muppets- Verarsche “Meet The Feebles” noch mehr zusagt als dieser aufgepumpte Krallenmacher- Fanatsy- Scheiß. Helen weist darauf hin, dass sie keinen blassen Schimmer hat, was dieser “Branded” sein soll, “die Fiebels” hat sie auch noch nie gehört und welcher Rischessör nun den Film gemacht hat, ist ihr auch schnurzpiepegal. Genau, nur das Endprodukt zählt, Hauptsache geil abliefern (wie der alte Gurki sagen würde). Ernst zu bleiben fällt zunehmend schwerer, zumal sie ausgerechnet auch noch eine frappierende Ähnlickeit mit einer der Feebles- Protagonistinnen, “Heidi, dem Nilpferd”, aufweist. Ob sie wohl auch zum Ende der Veranstaltung Amok läuft und mir bei Ungehorsam nen Kopp kürzer macht? Sie merkt anscheinend, dass ich gerade resigniere und macht entgegenkommend einen Vorschlag zur Güte, der mir den widerlichen Latte zum Teil wieder mit Karacho aus den Nasenlöchern treibt: “Ich kann auch Onkelz anmachen, wenn dir das lieber ist.” Bamm. Das sitzt erstmal. Der wohl augenzwinkernd gemeinte Nachsatz “Ach ja, ihr Ökos hört sowas ja nicht, ich vergaß…” macht es nicht besser. Ich hab es auf einmal ganz eilig, sehe auf die Uhr, erzähle was von ner angeblichen Kollegen- Weiterbildung, die noch für morgen vorbereitet werden müsse und beende das Internmezzo wenig taktvoll. Als ich mich beim Herausgehen noch einmal zu ihr umdrehe, murmelt sie nur kurz und knapp: “Hey…das war ja eben nicht so spektakulär, ne?” In der Tat. Genau wie diese Kolumne mal wieder. Aber wenigstens sind die kommerziellen Spätwerke Jacksons zum Speck-takel geworden (zumindest für den Mainstreammarkt). Und das ist ja die Hauptsache: geil abliefern.

 

Snitch

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