Viele ältere Leute werden es vielleicht nicht mal richtig registriert haben, viele jüngere Leute vielleicht höchstens mit Achselzucken quittiert haben. Mich persönlich hat’s nicht gerade überrascht, aber dennoch kam ein bisschen Melancholie durch, als ich im Herbst 2009 von der anstehenden Muff Potter Auflösung erfuhr.
Kurz vor Ende hat die Band allerdings nochmal ein echtes Kracheralbum rausgehauen, das (zumindest mich persönlich) für die drei Alben zuvor entschädigt hat, die ich als von wechselnder Qualität in den Ohren behalten habe. „Gute Aussicht“ dagegen ist ein erhabener Mix aus den Alben der Frühzeit, als die Band noch im münsterländischen Rheine beheimatet war und den darauffolgenden, zum Teil auf Universal erschienen, Alben. Aber besonders die ersten drei Alben und das phantastische Demo werden wohl als das in Erinnerung bleiben, was von Muff Potter auch noch in vielen, vielen Jahren über bleiben wird. Kennen gelernt habe ich Nagel und später auch den Rest der Truppe 1996 auf den Emsdettener Chaostagen (hüstel). Aufgrund der örtlichen Nähe (ich komme aus dem 10 km entfernten Emsdetten, bin 1998 für kurze Zeit nach Rheine gezogen und wohnte später in Münster auch in einem Haus mit Ex Bassist Mark und Nagel), aber natürlich auch wegen der tollen Musik waren Muff Potter ab Mitte der 90er für mich eine der wenigen Bands, die mich bis heute begleitet haben und auf deren neusten Output ich immer mehr als gespannt war.
Nun ist’s also vorbei und ich hätte es wohl keiner Band mehr gegönnt als den Potters, den kompletten Durchbruch zu schaffen. Denn während ich zig HC Päpste und Punkrock Götter kommen, gehen und zwischendurch ihr Studium fertig machen sah, hat die Band mehr als konsequent ihren Weg durchgezogen und quasi alles für die „Karriere“ geopfert. Meinen tiefsten Respekt dafür. Und wer damals wie heute von „Kommerz“ und „Ausverkauf“ labert, der hat vielleicht einfach verpasst, mal Drummer Brami gesehen zu haben, wie er, schon während der Zeit des Universal – Deals, als Fensterputzer durchs Münsteraner Hansaviertel flanierte.
Aber zurück zu „Gute Aussicht“, das ich Euch hiermit nochmal stärkstens ans Herz legen möchte und (Ehre wem Ehre gebührt) Stück für Stück vorstellen möchte, garniert mit der ein oder anderen biographischen Anekdote. Hier wir gehen:
„Ich und so“ klingt als Songtitel zwar fürchterlich lakonisch und lässt in mir schlimmste Assoziationen emporsteigen, startet aber nach nur wenigen Sekunden gekonnt durch und knallt als Opener so wie es Sodoms „Agent Orange“ auf selbiger Platte bereits vormachten: einer der derbsten Songs des Albums wird direkt an die Front gepackt, so dass alle Sissis bereits durch den ersten Schuss niedergestreckt werden. Ein dynamisches Riff dominiert die ersten Strophen, bis der eingängige Refrain folgt und selbst das abgerundete obligatorische Akustikende stört nicht. Eher im Gegenteil – die reingesampleten Lacher am Ende erinnern wehmütig an Zeiten des Demos bzw. der ersten Platte. Vielleicht sind sie sogar ebenfalls aus „Barfly“ oder „Verlierer“ geklaut, ich weiß es nicht.
Textlich wird ein Thema aufgegriffen, dass zwar vordergründig recht eindimensional über Nagels Liebe zur Literatur berichtet, andererseits aber auch immer wieder den eigenen Ergeiz des Verfassers widerspiegelt (Stichwort: „Die Unsterblichkeit des Künstlers und seines Werks“) und zugleich natürlich dem eigenen Verbeugen vor den Leuten, denen dies bereits gelingen durfte.
Nach gelungener Ouvertüre folgt mit „Rave is not rave“ ein typischer Muff Potter Track – treibendes Schlagzeug und eingängiger Refrain, geht gut rein und rein musikalisch solide. Textlich habe ich, was mir lange nicht mehr passiert ist, lange überlegt, worum es im den Track geht und kam zu dem Entschluss, dass hier die erste kleine Abrechnung mit der Majorvergangenheit erfolgt. Die Punkerplattitude „Wer mit den Majors ins Bett geht, muss sich nicht wundern, wenn er gefickt wird“ wird hier aufgegriffen und durch ein Mädchen symbolisiert, mit dem Nagel knick-knack gemacht hat, wobei der entstandene Ekel durch den Gebrauch des Wortes „Schlüpfer“, bei dem mir schon beim Schreiben schlecht wird, nochmals Nachdruck verliehen wird. Vielleicht geht’s aber auch einfach nur um ficki ficki und ich überinterpretiere das alles ein wenig. Im zweiten Teil folgt dann der typischen Potter Pathos, der das wieder aufgegriffenen „Los – Stop – Schade“ Thema in typischer Manier umkehrt. Besonders gefällt mir dabei das „…und die ausgelutschten Ssssssstunden“, das hat etwas vom wendehalschen’ „von hinten an die Sssssschulter“. Schön auch noch die etwas an The Living End erinnernde Basslinie am Ende.
„Ich bin charmant“ geht wieder in die etwas derbere Ecke und wurde intelligenterweise vom ersten Song getrennt, da beide sich doch von der Struktur ziemlich ähneln. Treibende Gitarren und typischer Potterscher Hymnenrefrain, immer nahe an der Grenze zur Fremdscham, die aber (und das ist die große Kunst) eben nicht überschritten wird. Geht insgesamt gut rein, wenngleich textlich ein wenig „Reim dich oder ich töte dich“ gezockt wird. Trotzdem solide und textlich angenehm egozentrisch.
Nun gut, „Niemand will den Hund begraben“ ist natürlich der Knaller – besonders natürlich, wenn eben Band und Hörer eine ähnliche örtliche Herkunft haben. Mir ist beim Hören eine Dauergänsehaut gewachsen, während Bilder von vergangenen Zeiten in meinem Gehirn explodierten. Besonders natürlich der geschickt eingebaute Insider „Samstag ist Disco in Grüters Scheune“ hat mein Herz zum Leuchten gebracht, handelt es sich bei dieser absolut genialen Baracke um den Pferdestall eines Bauernhofs in der weitläufigen Pampa des Osnabrücker Lands, in dem in den 90ern diverse Krawallkonzerte stattfanden (Muff Potter selbst spielten dort auch 1-2 Mal). Astreines Ambiente, stilecht mit Lattenjupp im Vorgarten, eine schöne Zeit war das. Ach, was heißt schon „war“ – letzten Sommer gab’s noch ein festliches Revival mit Vogue, Brat Pack und Co, wie immer natürlich mit frei saufen, Hammer. Eigentlich geht es im Song ja mehr um die Landflucht der heutigen Jugend, aber die Beschreibung der Lebensumstände kommt natürlich nicht ohne viele Anspielungen aus, die auch meine Jugend prägten.
Eigentlich bin ich kein großer Verklärer vergangener Zeiten, aber dennoch denke ich natürlich gerne an solch unbeschwerte Zeiten, in denen alles so einfach wirkte, zurück. Vor ein paar Tagen habe ich im Kino „Dorfpunks“ gesehen und scheiße, gibt es eigentlich einen Grund, diesen Film schlecht zu finden? Also so richtig scheiße? Geht nicht – zumindest nicht, wenn man ebenfalls aus ner Kleinstadt kommt und Punker ist oder war. Einer dieser Filme, bei denen man sich wieder in die Jugendzeit zurücksehnt und sich anschließend aber auch ein wenig wie ein geifernder alter Bock vorkommt, der denkt, er hätte seine Jugend nicht vernünftig ausgelebt. Aber genau das habe ich doch ganz gut hinbekommen, denke ich. Gut, etwas weniger Punkrock Life hätte vielleicht dazu geführt, dass ich nicht noch mit 30+ das Studieren (mal wieder) angefangen habe und mich heute mit Psychos (nein, nicht die Heinis mit den Kontrabässen und den lustigen Frisuren, die richtigen) rumprügeln muss. Aber andererseits schafft solch ein Leben eine überaus schnelle Befriedigung. Wenn man früher lange Jahre unter dem Existenzminimum gelebt hat, fühlt man sich heute auch mit einem ordentlichen Geringverdienergehalt sauschnell wie der Graf von Kohlen und Reibach des Ruhrpotts. Es ist halt wie es ist und ich weiß nicht, wie oft ich in der Reflexion vergangener Jahre und Entscheidungen sanft „Choices made“ von Civ vor mir hergesummt habe.
„Blitzkredit Bop“ führt eine schöne Muff Potter Tradition der letzten Jahre fort, nach der der schlimmste Track des Albums auch als erste Single veröffentlicht werden muss. „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“, also echt…
Aus dem tiefen Tal geht’s allerdings auch ganz schnell wieder zum nächsten Höhepunkt. „Die Party ist vorbei“ überzeugt mir schöner Melodie, treibendem Takt und Fäuste-in-die-Luft-reck-Refrain. Schicker Sauftrack mit typischer Gläser-in-die-Luft Thematik – OHNE dabei in bekackte „Wein, Weiber und Gesang“ Lyrik abzudriften. Bei Muff Potter hatte man immer den Eindruck, die Sauferei sei echtes Lusttrinken. Nicht weil man dazu toll feiern kann, sich den Frust von der Seele schlucken kann oder es zu einem gemütlichen Abend dazu gehört – nein, weil es gottverdammt nochmal Spaß mach und schmeckt! Nicht als peinliche Inszenierung oder szenegeschuldetes Opferlamm der Anpassung, sondern eher als sozialromantisch anlackierter „Saufen bis in den Untergang“ Pathos. Und das ist verdammt richtig so.
„Alles war schön und nichts tat weh“ hat einen knallermäßigen Chaos Z ähnlichen Basslauf zu Beginn und auch im Mittelteil, der Refrain klingt ein bisschen ausgelutscht, ansonsten geht’s volle Kanone nach vorne – gut!
Die Gitarren von Minus The Bear könnten „Wie spät ist es…“ beeinflusst haben, was mir formidabel gefällt. Textlich wird’s dann sehr persönlich, geht es doch hier u.a. um den ehemaligen Sänger von Muff Potters Vorgänger Band „Sexton And The Frusties“, der eine beeindruckende, wenn auch irgendwie konsequente, Karriere vom Punksänger über Technohorst bis zum dummen Nazischwein hingelegt hat. Mir würde solch Kleinstadtkolorit irgendwie am Arsch vorbeigehen, auch wenn ich bedenke, dass der Heini lange Jahre in meiner Heimatstadt gewohnt hat und ebenso lang mit einer Klassenkameradin liiert war, aber gut. Wie heißt es so schön „Du kannst den Jungen aus Rheine kriegen, aber niemals Rheine aus dem Jungen“. Platter Satz, aber die in den Potter Songs immer wiederkehrende Thematik „(angekotzt sein von der) Kleinstadt“ lässt die Vermutung zu, dass die langen Jahre zwischen Bundeswehrkaserne, Kirmesprolls und dem „Roxy“ (örtliche „Alternative – Disse“) tiefe Narben hinterlassen haben müssen. Wenn ich dagegen meine Beziehung zum alten Heimatkaff überdenke, überwiegen da v.a. positive Gefühle, wenngleich doch auch meist von einer deutlichen Gleichgültigkeit ummantelt. Wenn ich jetzt noch mehr nachdenke, offeriert sich mir allerdings, dass dieses “positive Desinteresse“ eigentlich fast alle meine Lebensbereiche abdeckt – was zur Folge hat, dass mir meine Heimat anscheinend so egal oder wichtig ist wie das meiste andere auch. Ergo: wenn ein ehemaliger Freund jetzt Nazi ist, wäre das schade, aber auch irgendwie so weit von mir entfernt wie Prinz Poldi von der Torjägerkanone. Überraschen würde es mich allerdings noch weniger.
„Wir werden uns kümmern“ fällt eher unter die Kategorie „solide“, bietet aber dennoch die Erkenntnis, dass Nagel bitte so ziemlich alles nach dem Ende der Band tun sollte – nur bitte nicht rappen. Denn „Der schmale Grat zwischen Haltung und Arroganz,
den du dein Selbstbewusstsein nennst / Ist so unsicher wie ein Pilot, der den Wetterbericht nicht kennt“ wäre als schlagkräftige Punchline in etwa so geeignet wie „Meine Damen und Herren, liebe Neger“ als Begrüßungsrede eines Bundespräsidenten. Aber gut – andererseits hat sich das ja auch lange gehalten. Am Ende gibt’s noch ein überragendes Pixies Zitat, jedenfalls glaube ich, dass es von ihnen ist. Wenn nicht, Respekt an die Herren Kappellmeister.
Der drittletzte Song heißt „Mein Freund das Wrack“. Ein Song, der mir musikalisch wenig gibt, dafür aber textlich meine Öhrchen zum Funkeln gebracht hat und der so einige Schlauen-seine-Söhne vor meinem geistigen Auge noch einmal den politisch korrekten Taschenbillard – Wipptanz aufführen ließ. Wem nicht mindestens fünf solcher Exemplare sofort beim Hören des Songs ins Hirn kommen, ist definitiv nicht lang genug szenegeschädigt und wird nicht unter mindestens drei Jahren Teilnahme an AZ Plenen, Veganen Voküs und antideutschen Diskussionsgruppen bestraft.
„Eiskunstlauf ohne Ton“ beginnt schlapp und mit wieder ein paar weniger gut gelungenen Wortspielereien, steigert sich aber in ein fulminantes Finale mit Gänsehaut Garantie, das mittlerweile zu meinen Lieblingsmomenten dieser grandiosen Platte gehört.
„Gute Aussicht“ ist dann der passende Rausschmeißer, leider ein bisschen unspektakulär, aber insgesamt natürlich ein guter Abschluss.
Tja, zum Abschluss dieser Kolumne und auch zum Abschluss der Band habe ich mir die ganze Chose noch einmal live gegeben und dabei ist mir wieder aufgefallen, wie viele Hits die Band eigentlich hatte. Auch wenn mir noch seitenweise Sachen einfallen würde, denke ich: kein falsches Getöse, kein schmalziger Pathos. Es wird bestimmt, in welcher Form auch immer, irgendwie sicherlich noch einiges zu hören sein. „Das Ende vom Lied“ ist hoffentlich noch nicht endgültig erreicht. Herder